
Die Mittelschicht gilt als wichtig für stabile politische Verhältnisse. Eine neue Untersuchung zeigt nun: Entgegen dem verbreiteten Eindruck schrumpft sie nicht überall. Das ist für eine politische Debatte besonders wichtig.
Eine gängige Erklärung für die Radikalisierung westlicher Demokratien lautet, dass die Mittelschicht geschrumpft oder gar ausgeblutet ist. Sie greift nicht als umfassende Begründung. Das zeigt jetzt eine Untersuchung des amerikanischen Pew Research Centers. In Frankreich, in den Niederlanden und in Großbritannien wuchs die Mittelschicht zwischen 1991 und 2010. In Deutschland, Italien, Spanien und in den Vereinigten Staaten dagegen schrumpfte sie der Studie zufolge.
Für die Mittelschicht legt Pew die klassische Definition zugrunde: Zu ihr gehören Erwachsene, die ein verfügbares Einkommen haben, das irgendwo zwischen zwei Drittel des mittleren Einkommens (Median-Einkommens) und dem Doppelten des mittleren Einkommens liegt.
Von 79 Prozent auf 72 Prozent
In Frankreich betrug der Anteil der Mittelschichts-Mitglieder an der erwachsenen Gesamtbevölkerung am Ende der untersuchten Zeitspanne 74 Prozent, ein kleiner Zuwachs von zwei Prozentpunkten binnen zweier Jahrzehnte. In den Niederlanden wuchs die Mittelschicht sogar um drei Punkte auf 79 Prozent. Im Vereinigten Königreich zeigte die Mittelschicht einen besonders deutlichen Zuwachs von 61 Prozent im Jahr 1991 auf 67 Prozent im Jahr 2010.
Die unterschiedlichen Pfade, den Länder wie Frankreich und das Vereinigte Königreich auf der einen Seite und Deutschland, Italien, Spanien und Amerika auf der anderen Seite gehen, ist eng korreliert mit einer anderen Entwicklung: In den Ländern mit wachsender Mittelschicht stiegen die verfügbaren Einkommen. Das ist die Summe Geldes, die Haushalte zur Verfügung haben einschließlich sämtlicher Transfers vom Staat und von Sozialversicherungen und nach dem Abzug von Steuern und Sozialabgaben. Es sind mithin die Einkünfte nach Umverteilung. In Deutschland, Italien und Spanien stagnierte das verfügbare Einkommen in besagter Zeitspanne oder es schrumpfte.
In Deutschland verkleinerte sich der Anteil der Mittelschicht an der Gesamtbevölkerung deutlich von 79 Prozent auf 72 Prozent. Ein Schrumpfen der Mittelschicht signalisiert nicht zwangsläufig sinkenden Wohlstand. Im Gegenteil: „Alles in allem gibt es eine stärkere Bewegung die Einkommensleiter hinauf als hinab in den meisten Ländern“, schreiben die Pew-Autoren. Zugleich signalisieren schrumpfende Mittelschichten wachsende Ungleichheit. Dieser Trend war Pew zufolge in Deutschland und Finnland am stärksten ausgeprägt.
Die letzten 20 Jahre in Europa
In Deutschland konkretisierte sich die Entwicklung so: Die Mittelschicht schrumpfte von 1991 bis 2010 um sechs Prozentpunkte auf 72 Prozent. Von diesen sechs Punkten gingen drei in die Unterschicht, die restlichen drei stiegen in die Oberschicht auf. Dort sind mit einem verfügbaren Einkommen von mehr als dem Doppelten des Median-Einkommens zehn Prozent eingruppiert, zur unteren Einkommensschicht zählten in Deutschland im Jahr 2010 laut Pew 18 Prozent. In skandinavischen Ländern und den Niederlanden ist die Unterschicht kleiner, in angelsächsischen Ländern ist sie größer, in den Vereinigten Staaten beträgt ihr Anteil 26 Prozent. Amerika zeigt sich in der Auswertung als das „ungleiche“ Land im Vergleich der zwölf Länder. Im Jahr 1991 waren nur 62 Prozent der erwachsenen Bevölkerung Mitglieder der Mittelschicht. In skandinavischen Ländern, aber auch in Deutschland zählten um die 80 Prozent zur Gruppe. In der folgenden 20 Jahre schrumpfte die amerikanische Mittelschicht auf 59 Prozent.
Die untersuchten 20 Jahre sind in Europa durch die deutsche Wiedervereinigung, die Vereinbarung der Maastricht-Kriterien, der Einführung des Euro und durch das Schengen-Einkommen geprägt. Dennoch bewegten sich die EU-Länder nicht in die gleiche Richtung. Deutschland ging es besonders in den neunziger Jahren wirtschaftlich nicht gut mit dem pro Kopf-Wachstum in der Gruppe der untersuchten Länder. Diese sind neben Deutschland Dänemark, Finnland, Frankreich, Italien, Irland, Luxemburg, die Niederlande, Norwegen, Spanien, das Vereinigte Königsreich und die Vereinigten Staaten.
