
In ganz Amerika schließen Geschäfte, obwohl die Amerikaner so konsumfreudig wie selten sind. Die Gründe sind überraschend komplex.
Der jüngste Arbeitsmarktbericht für die Vereinigten offenbarte eine Besonderheit: Während die Beschäftigung in fast allen Branchen wuchs, gingen im Einzelhandel binnen eines Monats 30.000 Arbeitsplätze verloren. Im Februar das gleiche Bild. Es gingen 60,000 Stellen verloren, so viele wie sonst nur in schweren Rezessionen.
Davon kann aber aktuell keine Rede sein in den Vereinigten Staaten. Die amtliche Arbeitslosigkeit liegt unter 5 Prozent, die Reallöhne in den mittleren und unteren Einkommensgruppen steigen seit knapp 18 Monaten und die Wahl von Donald Trump hat die Indikatoren der Konsumfreude nach oben getrieben.
Nach Beispielen für den Strukturwandel muss man nicht lang suchen. Die Kaufhausketten J. C. Penney, Macy’s und Sears schließen im ganzen Land Filialen. J.C.Penney allein gibt jede siebte Niederlassung auf und bietet 6000 Beschäftigten Abfindungen an.
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Die Warenhauskette Sears, ähnlich prägend für den amerikanischen Lebensstil wie Levi’s Jeans, Apfeltorte oder Coca Cola, hat in einem Schreiben an die Börsenaufsicht ihre wirtschaftliche Überlebensfähigkeit in Zweifel gezogen. Macy’s macht 100 seiner 675 Geschäfte dicht. Insgesamt zählen Experten 2000 Geschäfte, die wegen Pleiten oder Sparprogrammen dicht gemacht werden.
J.C. Penney und Macy‘s spielen eine besondere Rolle im amerikanischen Einzelhandel. Ihre Kaufhäuser sind oft die Magneten in Shopping Malls. Sie sorgen für hohe Käuferfrequenz. Fallen sie aus, drohen regelrechte Kettenreaktionen.
Das trifft dann Ketten, die vor wenigen Jahren noch als Stars die Zukunft des Einzelhandels repräsentierten wie zum Beispiel Abercrombie & Fitch, die die Schließung von 60 Filialen unter anderem auf den Verlust großer Magneten in Einkaufszentren begründeten. Solche Kettenreaktionen beschädigen die Wirtschaftlichkeit der ganzen Mall, die ohnehin schon unter stetig sinkenden Besucherzahlen leiden.
Amerikaner setzen neue Schwerpunkte bei Konsumausgaben
Die naheliegende Erklärung für den Niedergang der klassischen Einzelhändler lautet Amazon. Das Unternehmen könnte nach Prognose der Marktforscher von Cowen & Co in diesem Jahr der Modeverkäufer Nummer eins noch vor Macy´-s werden. Tatsächlich steigt der Handelsumsatz der Online-Anbieter beständig, Doch zugleich geben immerhin 75 Prozent der Amerikaner an, gerne in richtigen Geschäften einzukaufen, wie Cowen berichtet.
Die Analysten kommen zum Ergebnis, dass es schlicht zu viele Shopping Malls in den Vereinigten Staaten gibt. Das Land hat nach den Berechnungen für jeden Amerikaner rund zwei Quadratmeter Ladenfläche in einer Mall, Deutschland hat eine Zehntel davon. Die Anzahl der Malls hat sich seit 1970 auf 1200 vervierfacht, da kam die reine Bevölkerungsentwicklung nicht hinterher. Nach Schätzung der Analysten sind 30 Prozent der Malls bedroht.
Outletcenter und so genannte Club Stores wie Costco kneifen den klassischen Einkaufzentren ebenfalls Umsätze ab. Discounter wie der Dollar General will allein in diesem Jahr 1000 Geschäfte öffnen.
Ein weiterer bemerkenswerter Trend macht dem klassischen Einzelhandel schwer zu schaffen. Die Leute setzen neue Schwerpunkte bei ihren Konsumausgaben. Sie kaufen weniger Klamotten, ein Minus von zwanzig Prozent verzeichnen die Analysten.
Stattdessen geben die Leute ihre Geld für Restaurant-Besuche aus. Gastronomie-Umsätze stiegen seit 2005 doppelt so schnell wie die restlichen Konsumausgaben. Darin liegt auch ein Funken Hoffnung für viele Einkaufzentren. Sie holen attraktive Restaurants in die Malls und versuchen die Leute so zu locken.
