
Vor Hundert Jahren steht das Deutsche Kaiserreich vor dem Kollaps. Die Bevölkerung leidet unter den Schrecken des Ersten Weltkriegs. Doch dann überrascht der Kaiser in einer „Osterbotschaft“ plötzlich mit Zugeständnissen.
Die Erfolge der kaiserlichen Marine erweckten den Eindruck, die Berliner Alles-oder-nichts-Strategie würde aufgehen. Hunderttausende Bruttoregistertonnen (BRT) feindlicher und neutraler Handelsschiffe konnten innerhalb weniger Wochen in den Weiten der Nordsee und des Atlantiks durch den U-Boot-Krieg des Deutschen Reiches versenkt werden: Im Februar 1917 waren es 499.000 BRT, im März 600.000 BRT, im April 841.000 BRT. „Dass England einen so ungeheuerlichen Verlust sollte ertragen können, ist ausgeschlossen“, sagte der Chef des Admiralstabes zum Kaiser.
Darüber hinaus stand das russische Zarenreich plötzlich vor dem Zusammenbruch. Niederlagen, Hunger und sozialer Protest verbanden sich zu einem Gemisch, das Anfang März explodierte. Der Zar – verhasstes Symbol der Unterdrückung – musste einer bürgerlichen Regierung Platz machen. Diese wollte im Innern Reformen einleiten- offen blieb die Frage, ob sie den Krieg verloren geben würde. Dies taten jene linken Kräfte, die sich um den Petrograder Arbeiter- und Soldatenrat sammelten und Ende März ein erstes Manifest veröffentlichten: „Weigert Euch, zum Werkzeug der Eroberung und Gewalttätigkeit in den Händen von Königen, Grundbesitzern und Bankiers zu werden, und wir werden in gemeinsamer Anstrengung der fürchterlichen Schlächterei ein Ende bereiten, die eine Schande für die Menschheit ist und den Anbruch der russischen Freiheit verdüstert.“
Aus der Perspektive der Reichsleitung bestand nun die Möglichkeit zur weiteren Revolutionierung Russlands. Daher ließ sie in einer geheimen Operation den Führer der Bolschewiki, Wladimir I. Lenin, der im Züricher Exil ein zunehmend trostloseres Dasein fristete, Anfang April in einer Geheimaktion nach Russland einschleusen. „Dass die Reichsleitung damit den eigenen Untergang beschleunigte, sollte sich ein Jahr später als bittere Ironie dieses Unternehmens herausstellen“, sagt der Potsdamer Historiker Michael Epkenhans vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften.
Dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen Washingtons zu Berlin am 3.Februar 1917 als Reaktion auf den uneingeschränkten U-Boot-Krieg war keine Kriegserklärung gefolgt. Präsident Woodrow Wilson hatte im November 1916 die Wiederwahl nicht zuletzt durch seine Zusage gewonnen, die Vereinigten Staaten aus dem Krieg herauszuhalten. Weiterhin gab es keine Kriegsstimmung im Land.
In seiner Rede vor dem Kongress zog Wilson alle Register
Darauf setzte die Reichsleitung in Berlin – und auf die Tatsache, dass die amerikanische Regierung zwar die diplomatischen Beziehungen mit dem Deutschen Reich, nicht aber mit dessen Bündnispartner Österreich-Ungarn abbrach. Wilson ließ lediglich amerikanische Handelsdampfer bewaffnen, die sich auf den Weg nach Europa machten. Seine Hoffnung, dass diese ebenso wie Passagierschiffe von den U-Booten verschont bleiben würden, erfüllte sich nicht: „Es ist jetzt ein für alle Mal Schluss mit Verhandlungen mit Amerika! Will Wilson Krieg, soll er ihn herbeiführen und ihn dann haben!“ So lautete die Weisung des Kaisers an das Auswärtige Amt vom 18. März.
Vor dem Kriegseintritt: Woodrow Wilson am 2. April 1917 im Kongress
Sollte es je eine Chance gegeben haben, den Krieg zwischen Berlin und Washington zu vermeiden, so war diese spätestens mit Bekanntwerden des „Zimmermann-Telegramms“ vertan. Schon Mitte Januar 1917 hatte der Staatssekretär des Auswärtigen Amts, Arthur Zimmermann, den deutschen Gesandten in Mexiko gebeten, der dortigen Regierung ein Bündnis für den Fall eines amerikanischen Kriegseintritts anzubieten.
