
Ein Giftgasangriff als rote Linie – Washington vollzieht eine Kehrtwende und setzt ein militärisches Ausrufezeichen im Bürgerkrieg. So könnte es weitergehen: Vier Szenarios.
Der mutmaßliche Chemiewaffenangriff in Khan Scheikhoun hat weitere Opfer im syrischen Bürgerkrieg gefordert. Und er hat eine neue Dynamik entfacht, deren Ende noch nicht abzusehen ist. Wie sein Amtsvorgänger Barack Obama Jahre zuvor sieht Amerikas Präsident Donald Trump mit dem jüngsten Einsatz von Chemiewaffen eine „rote Linie“ überschritten. Anders als Obama reagierte Trump vergangene Woche mit einem Marschflugkörperangriff auf den Luftwaffenstützpunkt Sheirat – eine 180-Grad-Wende in der amerikanischen Syrien-Politik und zugleich ein militärisches Ausrufezeichen. Doch wie geht es danach weiter? Diese vier Möglichkeiten diskutieren derzeit Politiker, Diplomaten und Wissenschaftler:
1. Der Konflikt weitet sich aus
Deutsche Nikki Haley, dass die Vereinigten Staaten weitere Schritte unternehmen könnten, sollte es zu einem weiteren Giftgaseinsatz kommen. Möglicherweise würde Trump dann tatsächlich abermals reagieren. Zu dieser Befürchtung passt, dass die russische Regierung die Kommunikation mit der amerikanischen Luftwaffe über Angriffe beider Staaten auf Stellungen der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) ausgesetzt hat. Sie ist wichtig, um Kollisionen von Kampfflugzeugen beider Staaten über Syrien zu verhindern. Zugleich hat Moskau angekündigt, die Luftabwehrfähigkeit der syrischen Armee zu verbessern, und eine Fregatte mit Lenkwaffen vor die syrische Küste verlegt.
2. Trump belässt es bei einem Schlag
Eine andere Annahme lautet, dass Trump sein politisches Ziel mit dem Angriff bereits erreicht hat und es dabei belassen wird. So glaubt der Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), Volker Perthes, dass es dem amerikanischen Präsidenten um die Demonstration ging, dass harten Worten manchmal auch harte militärische Aktionen folgen. Es wäre nicht das erste Mal. Schon Amerikas ehemaliger Präsident Bill Clinton nutzte 1998 Einmalangriffe auf Sudan und Afghanistan als Mittel – angeblich, um eine Fabrik zur Herstellung von Grundstoffen für Nervengas und islamistische Ausbildungslager zu treffen. Innenpolitisch erntete Trump für seine Aktion prompt Zustimmung quer durch die politischen Reihen, selbst von seinem innenparteilichen Erzfeind John McCain. Der republikanische Senator lobte Trump für seine entschlossene Haltung, bei der er keine Rücksicht etwa auf Russlands oder Chinas Meinung nahm.
Kritiker glauben allerdings, dass hinter dem Angriff keine Strategie, sondern ein rein situatives Verhalten steckt: So schildert die „Washington Post“, wie sehr sich Trump bei seiner Entscheidung zum Angriff von den Bildern der getöteten Kinder beeindrucken ließ. „Was Trump mit seinen Marschflugkörpern wirklich erreichen will, wissen wir nicht. Vielleicht weiß er es selber nicht“, Militärschlags dürfte sich auch Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un sehen. Sein Regime besitzt Nuklearwaffen und arbeitet daran, atomar bestückbare Raketen zu entwickeln, die bis nach Amerika reichen. Für die Vereinigten Staaten wären sie wohl eine vielfach stärkere Bedrohung als alles, was in Syrien passiert. Nach dem Luftangriff ist noch schwerer vorstellbar geworden, dass Präsident Trump es dazu kommen lassen wird.
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Ein Überlebender berichtet von Assads Giftgasangriff
