
Am finanziellen Abgrund versucht Toshiba einen Befreiungsschlag. Die amerikanische Nuklear-Tochtergesellschaft Westinghouse beantragt Gläubigerschutz. Toshiba droht ein Jahresverlust von 8,4 Milliarden Euro.
Der japanische Toshiba-Konzern macht reinen Tisch und trennt sich von seinem amerikanischen Nukleargeschäft. Die Tochtergesellschaft Westinghouse Electric werde am Mittwoch Insolvenzschutz in den Vereinigten Staaten beantragen, erklärte Toshiba in Tokio. Das Unternehmen hofft damit auf einen Weg zur Sanierung.
Toshiba will mit Kunden in Amerika eng zusammenarbeiten, damit der Bau zweier Atomkraftwerke dort nicht zum Stillstand kommt. Verzögerungen und Kostenüberschreitungen beim Bau dieser Kraftwerke haben Toshiba an den Rand des finanziellen Abgrunds geführt. Ende Dezember hatte das Unternehmen angekündigt, dass deshalb Abschreibungen in Milliardenhöhe auf das Nukleargeschäft drohten. Den Aktienkurs beeinflusste die Maßnahme nicht mehr sonderlich, allzumal diese schon erwartet worden war. Im Gegenteil stieg der Kurs um ein Prozent auf 219,40 Yen.
Druck der Banken
Mit dem Insolvenzantrag für Westinghouse Electric folgt Toshiba den Wünschen von Gläubigerbanken, die nach japanischen Medienberichten im Gegenzug für weitere finanzielle Zusagen einen Schlussstrich verlangten. Rechtzeitig vor dem Ende des Fiskaljahres am 31. März gelingt es Toshiba mit dem Gläubigerschutz zugleich, Westinghouse aus seiner Bilanz herauszulösen und damit Belastungen wie Abschreibungen auf den Firmenwert zu vermeiden. Zugleich aber steht Toshiba mit Garantien in der Pflicht. Der Konzern schloss deshalb nicht aus, dass der erwartete Jahresverlust von 390 Milliarden Yen auf 1010 Milliarden Yen (8,4 Milliarden Euro) anwachsen werde.
Um die Belastung durch Westinghouse zu schultern hatte Toshiba begonnen, Geschäftsbereiche zu verkaufen. Dabei geht es auch ans Tafelsilber. Vom April an wird das profitable Geschäft mit Speicherchips als Toshiba Memory ausgegliedert. Toshiba holt derzeit Gebote von Investoren ein, um mehr als die Hälfte des neuen Tochterunternehmens zu verkaufen.
Für den japanischen Traditionskonzern ist es die zweite große Krise nach dem Bilanzskandal im Jahr 2015. Toshiba hatte damals eingestehen müssen, über Jahre die Nettogewinne zu hoch ausgewiesen zu haben. Das Unternehmen ringt aktuell mit den Wirtschaftsprüfern darum, den Abschluss für das Geschäftsquartal von Oktober bis Dezember testiert zu bekommen. Dabei geht es um die Frage, ob in Sachen Westinghouse sauber bilanziert wurde. In einem zweiten Aufzug hatte Toshiba bis Mitte April Zeit erhalten, die Quartalsbilanz vorzulegen. Gelingt dies nicht, droht dem Unternehmen der Abschied vom Börsenhandel.
Für Toshiba endet ein fast zehn Jahre dauerndes nukleares Abenteuer. 2006 hatte der Konzern in einem Bieterwettbewerb Westinghouse Electric für 5,4 Milliarden Dollar erstanden, um mit der Expansion in das Nukleargeschäft im Ausland neue Wachstumsmärkte zu eröffnen. Damals stand die Nukleartechnik scheinbar vor einer Renaissance und Toshiba sah Potential für Dutzende Reaktoren vor allem in China, Indien und in den Vereinigten Staaten. Der Kaufpreis galt damals vielen Beobachtern als zu hoch, weil Toshiba für Westinghouse rund das Doppelte zahlte als japanische Konkurrenten geboten hatten.
Der Zukauf von Westinghouse sollte Toshiba unabhängiger von den Schwankungen am Markt für Halbleiter und insbesondere Speicherchips machen. Zugleich war schon damals abzusehen, dass die japanischen Elektronikunternehmen bei Konsumprodukten wie Fernsehern oder Computern Marktanteile an die Konkurrenz aus Südkorea oder China verlieren würden. Auch dagegen wollte Toshiba sich mit der Expansion ins Nukleargeschäft absichern.
Die Hoffnungen auf eine solide Zukunft im Bau von Atomkraftwerken aber trogen. Nach dem Tsunami im Nordosten Japans 2011 und der Kernschmelze im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi verteuerten in vielen Staaten neue Regulierungen den Bau von Kernkraftwerken. Der Markt entwickelte sich nicht so, wie Toshiba es erhofft hatte. Zugleich spielten aber auch Fehler im Management eine Rolle. Die Finanzrisiken aus den Verzögerungen beim Kraftwerksbau in den Vereinigten Staaten wurden im Hauptquartier Toshibas in Tokio offenbar erst sehr spät offen gelegt.
Toshibas richtig gute Zeiten liegen lange zurück. Ihren Höchstkurs erreichte die Aktie im Juni 1989 bei 1468,6 Yen. Seitdem ist der Kurs im Jahresdurchschnitt beständig gesunken, sieht man einmal von kurzen Höhenflügen zum Ende der Neunziger und Mitte der 2000er Jahre ab. Insgesamt summiert sich der Kursverlust auf 87,5 Prozent oder 7,2 Prozent im Jahresdurchschnitt.
