
Für junge Amerikanerinnen in New York und Los Angeles ist Taryn Toomey Fitnesstrainerin und Psycho-Coach. Dieser Tage tut ihr Programm „The Class“ besonders gut.
Wenn Adele Fitnesstrainerin wäre, dann vermutlich eine wie Taryn Toomey. Rauchige Stimme, reichlich Schimpfwörter – man muss an diesem Wintermorgen um kurz nach sieben Uhr in dem Fitnessraum in Tribeca nur die Augen schließen, um auch ein bisschen Adele zu hören: „Was für ein verdammtes Jahr, Freunde!“ – „Los, ihr braucht eine Schutzschicht“, dröhnt es über Toomeys Headset.
25 junge Frauen im Alter von Mitte 20 bis Mitte 30 reiben daraufhin ihre Handflächen so schnell sie können gegeneinander, die Beine großzügig auseinander gestellt, Knie gebeugt, der Rücken zeigt kerzengerade nach vorne. Wenn man Adele für ihre Musik hin und wieder im Leben braucht, dann kommt auch Taryn Toomey nicht ganz ungelegen – um den eigenen Körper mit ihrem Programm über seine ursprünglichen Fitnessgrenzen hinauszubringen und nebenbei ein paar heilsame Sätze zu hören.
Für eine gewisse Klientel könnte Taryn Toomey deshalb keine bessere Trainerin sein. Für die jungen, ambitionierten und disziplinierten Amerikanerinnen, die an diesem Morgen ausnahmslos Leggings von Lululemon tragen, die Uniform der Lifestylebewussten, dazu enge Tank-Tops, so wie Toomey es geraten hatte. Denn: „Ihr werdet schwitzen.“ Gekommen sind ausnahmslos Frauen, die nicht mehr so jung sind, dass sie einen Kursus gegen zehn Uhr wahrnehmen könnten, weil sie dann an irgendeinem Schreibtisch sitzen – die aber alt genug sind, um 35 Dollar für die Stunde zu zahlen. Frauen, die noch nicht so weit sind, dass sie morgens um sieben Uhr ein Kind zu versorgen hätten – deren Leben aber trotzdem so schnell ist, dass sie ständig riskieren zu stolpern. Frauen, die kaum zögern würden, einen Therapeuten zu Rate zu ziehen, aber über Taryn Toomeys Fitnessprogramm The Class herausfinden, dass sie sich den Fitness-Onkel vielleicht doch schenken können.
Ihre Sätze sind Balsam für geschundene Seelen
Die Schwere kann nämlich anders verschwinden: Man kann sie wegtrainieren. Es kostet nur. Und man braucht eine Taryn Toomey vorne am Spiegel, die einen antreibt. Sie unterhält dort ihre Class, wohin es junge, kinderlose, ambitionierte und disziplinierte Amerikanerinnen besonders oft zieht: in Los Angeles und New York. Ihre Sätze sind Balsam für geschundene Seelen, ob die unter fiesen Chefs leiden, unbeständigen Beziehungen oder dem neuen Präsidenten Donald Trump.
Die 25 Plätze sind an diesem Morgen im Dezember komplett belegt. Das ist kein Wunder. Während Europäer sich höchstens in den wärmeren, helleren Monaten gegen sieben Uhr aus dem Bett schälen, um Laufen zu gehen, sind die Studios hier auch dann taghell erleuchtet, wenn es draußen noch dunkel ist. Zu normalen Zeiten ist der Raum auf der vierten Etage im New Yorker Stadtteil Tribeca ein Ballettsaal für Kinder – zu Unzeiten das Reich der Class-Süchtigen. Aber den besten Körper von allen hat natürlich Taryn Toomey.
Als Erstes in den Schneidersitz
„Wenn ihr morgens aufwacht, setzt euch erst mal für fünf Minuten in den Schneidersitz, die Arme locker auf den Beinen ruhend, Augen geschlossen“, sagt Toomey in ihrer Große-Schwester-Art. Alle setzen sich in den Schneidersitz. „Überlegt, wie euer Plan aussehen soll, plant euren Tag, euch selbst.“ Man könnte sich als abgeklärter Mensch über diese Art von Küchenpsychologie mokieren, über die Rede von Geist und Körper und Balance. Aber nichts läge hier ferner. Außerdem bleibt ohnehin keine Zeit, Pläne für den Tag zu schmieden, denn jetzt heißt es: Arme anwinkeln und acht Minuten lang im Mordstempo vor und zurück ziehen.
Fitness und Psychologie: Taryn Toomey
The Class ist kein Spaziergang, es kommt physisch eher einem Gewaltmarsch gleich. Man spürt das, wenn man zehn Minuten lang von rechts nach links und von links nach rechts auf der ganz schön langen schwarzen Matte (klar, von Lulu-lemon) springt und wirklich die gesamte Strecke ausnutzen muss. Man leidet geradezu, wenn man im Anschluss auf der Matte liegt, den Körper vornehmlich mit der Kraft der Oberarme hält und sich von einer Seite zur anderen windet. Und man bricht fast zusammen, wenn man gefühlt eine halbe Stunde später, ohne Pause, immer noch auf dieser Matte liegt, das Becken angehoben, und die Oberschenkelmuskeln spielen lässt. Zumindest hat man auf dem Rücken einen tollen Blick auf das neue World Trade Center. Dahinter ist der Himmel zu sehen, der jetzt so schnell Tag werden will, dass die Hoffnung besteht, auch dieser Kursus gehe bald vorüber.
Und alle: „Roaaar!“
Der Doorman unten am Eingang hatte gewarnt: The Class solle recht intensiv sein. Wenn Sport anstrengend ist, dann ist The Class harte Arbeit, die Muskeln laufen heiß. Es ist eine solche Quälerei, dass man sie einfach positiv begreifen muss. Aufgeben ist nicht. Also Weitermachen. Und nach Luft ringen beim In-die-Luft-Boxen. Wieder Toomey: „Es geht darum, eure seltsamen Beziehungen zu euch selbst zu lösen, zu anderen, zu eurem Telefon.“
Doch echt, Telefon. Toomey spricht auch denen aus der Seele, die Social Media als nette Spielwiese begreifen – und für die damit trotzdem ein Problem mehr dazu gekommen ist. Vor der Stunde hatten ein paar Stammteilnehmerinnen erzählt, eine junge Frau habe während der letzten Stunde etwas auf Instagram gepostet. „Ein großes No-No“, sagt eine. Handys haben hier nichts zu suchen. Es geht ja darum, die Schwere loszuwerden, alles, was in einem köchelt, und sich nicht gleich aufs Neue zu überfrachten. Es geht darum, alles herauszuschreien, sich zur Not auch selbst zu schlagen, in die Luft zu boxen, aber eben vor allem laut zu werden. „Los: Roaaar!“, ruft Toomey. Und alle: „Roaaar!“ Es bringt wirklich was. Zumindest ist man kurz von der Anstrengung abgelenkt. Abgeklärte Europäer, bitte draußen bleiben.
Sie komme so oft hierher, wie sie könne, sagt eine Frau nach der Stunde im Aufzug auf dem Weg nach unten. Denn allein, ohne den Psycho-Coach Toomey an der Spitze, lässt sich dieses Körper- und Lebensstabilitätsprogramm ohnehin nicht absolvieren. Selbst die Sprüche gehören zur Mischung. Und das Ganze muss wohl 35 Dollar kosten. Es muss wehtun.
