Gesellschaft

Will die Pariser Mode nur weiße Models?

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Weiß wie die Unschuld: Bouchra Jarrar mit Model Vittoria Ceretti

Die Klagen über die Modebranche häufen sich. Kritiker werfen großen Marken gezieltes „white washing“ in der Wahl der Models vor. Doch die Designer wehren sich gegen die Rassismusvorwürfe.

Bouchra Jarrar hat an diesem verregneten Mittwochmittag nach ihrer Schau im l’Hôtel de Ville schon viel erzählt – von den Vögeln, die gerade als Motive über die Entwürfe der Lanvin-Kollektion geflattert sind, und vom Federschmuck, den sie selbst um den Hals trägt. Da kommt bei den Journalisten die große Frage dieser Prêt-à-porter-Woche auf – nämlich wieder mal die nach den Models.

„War es Ihnen wichtig, Frauen verschiedenen Alters und verschiedener Hautfarben laufen zu lassen?“, fragt eine Reporterin. „Das ist genau das, was ich ausdrücken wollte“, sagt Bouchra Jarrar, die 46 Jahre alte Modemacherin, die seit vergangenem Jahr Chefdesignerin bei Lanvin ist. „Ich mag kein einheitliches Bild.“ Das klingt so beiläufig, als hätte das Haus, für das sie arbeitet, nichts mit den neuen Beschuldigungen zu tun.

Wieder einmal ist es James Scully, der die Branche kritisiert. Der Casting-Direktor sucht selbst seit Jahrzehnten Mädchen für die Modenschauen aus. Nun äußert er sich wieder kritisch über andere Casting-Chefs. Bei der Marke Balenciaga hätten etwa 150 Models stundenlang auf einem dunklen Flur ohne Licht darauf warten müssen, ausgewählt zu werden, während die Mitarbeiter der Marke mittagessen gegangen seien, schrieb er auf Instagram. Die Marke, die zum Kering-Konzern gehört, wechselte kurz vor der Schau am kommenden Sonntag ihre Casting-Agentur aus. Außerdem schrieb Scully, eine große Marke habe versucht, Fünfzehnjährige einzuschleusen – obwohl das Mindestalter auf den Laufstegen 16 Jahre ist. Und schließlich sei der Marke Lanvin daran gelegen, nur weiße Frauen in der Schau am Mittwoch laufen zu lassen.

„Nennen Sie mir die Definition eines Rassisten“

Die Vorwürfe werden ausgerechnet in einer Saison laut, da in den Kollektionen viele schwarze Frauen wie Lineisy Montero oder Aiden Curtiss zu sehen sind und auch viele Asiatinnen wie Liu Wen und Sora Choi. Eine Lanvin-Sprecherin weist die Anwürfe denn auch sogleich zurück. Weitere Luxusmarken sind ebenfalls aufgeschreckt: Antoine Arnault, Sohn von Bernard Arnault, Chef der LVMH-Marke Berluti und Ehemann des Models Natalia Vodianova, forderte jeden, der solche Missstände beobachte, dazu auf, sich mit Beschwerden direkt an ihn zu wenden.

Als an diesem Mittwochmittag backstage bei Lanvin schließlich der Name James Scully fällt, hebt sich die Stimme von Bouchra Jarrar, die in Cannes als siebtes von acht Kindern marokkanischer Einwanderer aufgewachsen ist. „Nennen Sie mir die Definition eines Rassisten, und ich erzähle Ihnen von meiner Kreativität und dass es für mich dazu auch gehört, alle Frauen zu mögen. Wir sind hier von morgens bis abends beschäftigt, Ihnen einen Modemoment zu bieten.“ Und das ist fast noch untertrieben – denn die so zarte wie bestimmte Designerin hat in der vergangenen Nacht kaum geschlafen.

Der äußere Kreis der Runde applaudiert. Aber ist die Klage vielleicht doch berechtigt? Zählen wir nach. In der Schau laufen 42 Models. Zwei von ihnen – Joan Smalls und Alicia Burke – sind Schwarze. Zwei von ihnen – Luping Wang und Yue Han – sind Chinesinnen. Für Pariser Verhältnisse ist das schon fast Multikulti. Aber wer weiß, ob sie nicht in letzter Minute gebucht wurden.