
Die Aktienbörse in Toronto ist im Aufschwung. Kanadische Wertpapiere profitierten im vergangenen Jahr von der Erholung der Rohstoffpreise. Nun hat Donald Trumps Ankündigung zu neuen Steuerplänen zusätzlich den Index S&P/TSX Composite ansteigen lassen.
Donald Trump beflügelt nicht nur die Wall Street, sondern auch die Aktienbörse in Toronto. Der kanadische Aktienindex S&P/TSX Composite war am Ende der vergangenen Woche erstmals über 15.700 Punkte gestiegen und hatte damit die alte Rekordmarke vom September 2014 übertroffen. Auslöser war eine Mitteilung Trumps auf dem Kurznachrichtendienst Twitter, in der der seit drei Wochen amtierende amerikanische Präsident eine „phänomenale“ Ankündigung zu seinen Steuerplänen avisierte. Der S&P/TSX Composite hat seit der Wahl Trumps vor etwas mehr als drei Monaten um 7 Prozent zugelegt – gleichauf mit dem breitgefassten amerikanischen Marktbarometer S&P 500, das sich auch auf Rekordniveau befindet.
Auf Sicht der vergangenen zwölf Monate ist der breite kanadische Aktienindex um 23 Prozent geklettert. Die größten Triebfedern waren Grundstoffhersteller und Energieproduzenten, die von gestiegenen Rohstoffpreisen profitierten. Die Kurse von Unternehmen aus diesen Wirtschaftsbereichen, die, gemessen am Börsenwert, rund ein Drittel des gesamten kanadischen Aktienmarktes ausmachen, waren um jeweils fast 50 Prozent geklettert.
Für Anleger aus dem Euroraum kamen noch substantielle Währungsgewinne von fast 12 Prozent hinzu, weil der kanadische Dollar gegenüber dem Euro deutlich aufgewertet hatte. Deutsche Anleger müssen bei einer Anlage in Kanada berücksichtigen, dass die Entwicklung des kanadischen Dollars stark vom Trend der Rohstoffpreise abhängt.
Die Hausse in Kanada erklären Börsianer in Toronto mit den gleichen Argumenten wie den Aufschwung an der Wall Street: Trumps Versprechen staatlicher Ausgaben für Infrastruktur, um die amerikanische Wirtschaft anzukurbeln- lockerere Regularien für die Energieindustrie und die Finanzbranche- Steuererleichterungen für Verbraucher und Unternehmen. Obwohl Trump keine neuen Gesetze für Kanada beschließen kann, wetten Investoren auf positive Effekte für kanadische Aktiengesellschaften, weil Kanada und die Vereinigten Staaten enge Handelsbeziehungen pflegen.
Säbelrasseln sorgt dennoch für Ungewissheit
Kanadische Banken wie die Toronto-Dominion Bank sind zudem stark in den Vereinigten Staaten vertreten. „Wirtschaftsbereiche, die davon positiv beeinflusst werden könnten, haben bei uns ein größeres Gewicht als in den meisten anderen Industrieländern“, sagte Matthew Barasch, Stratege für den kanadischen Aktienmarkt bei der Wertpapiersparte der Royal Bank of Canada. Einzig die von Trump geplante Senkung des amerikanischen Unternehmenssteuersatzes von 35 Prozent auf 15 Prozent könnte sich langfristig negativ auf Kanada auswirken, weil die Steuern in Kanada schon jetzt niedriger seien als in den Vereinigten Staaten und Mexiko – bisher einer der Wettbewerbsvorteile Kanadas.
Finanztitel, die im S&P/TSX ähnlich stark gewichtet sind wie Rohstoffaktien, waren mit einem Plus von 13 Prozent nach der amerikanischen Präsidentenwahl besonders stark gestiegen – parallel zu den Bankaktien an der Wall Street. „Finanzaktien bewegen sich auf eine goldene ära zu, weil in den Vereinigten Staaten die Regulierung gelockert wird und die Wirtschaft wächst“, meint Brian Belski, der die Anlagestrategie der Bank of Montreal (BMO) verantwortet. „Die Vereinigten Staaten werden den Wiederaufstieg der Finanzbranche anführen. Kanadische Banken und Versicherer werden mit auf diese Reise gehen.“
Für eine gewisse Unsicherheit sorgte allerdings Trumps protektionistisches Säbelrasseln. Trump hatte angekündigt, das seit den 1990er Jahren bestehende nordamerikanische Freihandelsabkommen (Nafta) zwischen den Vereinigten Staaten, Kanada und Mexiko neu verhandeln zu wollen. Stephen Schwarzman, der Vorstandsvorsitzende der amerikanischen Beteiligungsgesellschaft Blackstone und einer von Trumps Wirtschaftsberatern, mühte sich kürzlich bei einem Treffen mit der kanadischen Regierung allerdings, etwaige Sorgen zu zerstreuen.
Die neue Regierung in Washington schätze die Beziehungen zu Kanada sehr, teilte Schwarzman mit. Der Handel zwischen den Vereinigten Staaten und Kanada sei im Gleichgewicht und ein Vorbild für die Art und Weise, wie Handelsbeziehungen aussehen sollten. „Es könnte möglicherweise einige Abänderungen geben, aber grundsätzlich sollten die Dinge bei Diskussionen mit den Vereinigten Staaten gut laufen“, sagte Schwarzman gegenüber Journalisten. Neue Zölle für Energieimporte aus Kanada seien unwahrscheinlich.
„Trump braucht einen Freund“
Offenbar ist Mexiko das eigentliche Ziel der Neuverhandlungen. Trump hatte den Bau einer Mauer an der Grenze zu Mexiko angekündigt und verschiedenen amerikanischen und internationalen Unternehmen Strafzölle für den Fall angedroht, dass sie neue Fabriken in Mexiko bauen. Das könnte allerdings auch kanadische Unternehmen wie den Autozulieferer Magna betreffen, die in Mexiko produzieren und amerikanische Abnehmer haben.
BMO-Investmentstratege Belski jedenfalls macht sich keine Sorgen. „Trump braucht einen Freund, und ich glaube, dass Kanada dieser Freund sein wird“, sagte er. Nafta werde am Ende der neuen Verhandlungen besser für Kanada sein als vorher.
Am Freitag, als der S&P/TSX Composite seinen neuen Rekord markierte, lagen auch die drei dominierenden Marktsegmente im Plus: Grundstoff-Hersteller, Energie und Finanzen. Für den weiteren Trend gilt das als ein gutes Omen. „Wenn die drei steigen, ist das normalerweise ein Erfolgsrezept für die Aktienbörse in Toronto“, sagte Allan Small, Finanzberater beim Vermögensverwalter Holliswealth.
