
Rechtzeitig zu Weihnachten gibt es wieder Kunst vom amerikanischen Superstar. Jeff Koons begeistert seine Fans mit Ballerinas und Gazing Balls.
Es weihnachtet sehr, auch in Londons elegantem Stadtteil Mayfair, wo seit Mitte November phantastische Gebilde als Lichter-Cluster hoch über den Straßen schweben. Es funkelt und glitzert nur so in der Dunkelheit, entlang der Gehwege nehmen die teuren Läden das Gleißen auf, überbieten sich im Pomp für das Fest. Bei diesem Gefunkel spielt – auch wenn das bestimmt nicht direkt so gedacht war – die Almine Rech Gallery in der Grosvenor Street perfekt mit, in den Räumen glänzt es nur so weiter. Denn dort sind neue Arbeiten von Jeff Koons ausgestellt, die jüngsten von ihnen aus diesem Jahr. Blickfänger sind zwei mehr als lebensgroße stählerne Skulpturen, wie sie zum Markenzeichen für den amerikanischen Kunst-Superstar wurden. Dieses Mal sind es zierliche Ballerinas. An den Wänden hängen außerdem acht Gemälde Alter Meister, so scheint es wenigstens auf den ersten Blick, dazu gibt es zwei Objekte, einen weißlackierten Hocker und einen metallenen Flaschentrockner.
Den Namen Jeff Koons hat fast jeder schon einmal gehört, allein weil seine überdimensionalen Plastiken im globalen Kunstmarkt so viel Geld kosten. Ganz vorn liegt sein riesiger „Balloon Dog“, der bei einer Auktion in New York vor drei Jahren 58,4 Millionen Dollar gekostet hat. Aber selbst auf wohnungstaugliches Format geschrumpft und in Auflagen von ein paar Hundert fordern solche Figurinen noch ein paar tausend Dollar oder Euro. Gerade hatte das Kölner Auktionshaus Van Ham eine 62 Zentimeter kleine „Dom Perignon Balloon Venus“ in Pink im Angebot, die bei einer Auflage von 650 Exemplaren mit einer Schätzung von 25.000 bis 30.000 Euro versehen war.
Erstaunlicher indessen sind die Gemälde an den Wänden in London. Auf den ersten Blick sind sie ganz harmlos, doch dann kommt man ihrer Idee auf die Spur. Sie sind Kopien Alter Meister – von Giotto oder Hendrick Goltzius und Bartholomäus Spranger bis hin zu einer liegenden Nackten von François Boucher -, die auf Großformate hochgezogen sind. Aber keineswegs technisch- denn jeder einzelne Pinselstrich der Vorlagen ist von Jeff Koons‘ Assistenten in New York minutiös nachgezogen. Koons versteht sich unbedingt als zeitgenössischer Spiritus Rector einer Werkstatt, wie sie sich schon die Großkünstler der Renaissance hielten. Die so entstandenen neuen Bilder sehen also aus, als wären sie unter einer gigantischen Lupe betrachtet. Damit aber nicht genug: Aus jeder dieser Mega-Kopien ist eine Art kleine Schublade gezogen, immer auf derselben Höhe, auf der eine quietschblaue hochglanzpolierte stählerne Kugel ruht. Eine gleiche Kugel liegt auch oben auf dem Hocker und dem Flaschentrockner.
Neu trifft alt: Detailgetreue Nachahmung von Giottos „Kuss des Judas“ mit einer originalen Koons-Plastik.
Solche lapidaren Beschreibungen sind immer ein wenig niederträchtig, weil sie die Intention des Künstlers ausblenden. In den Kugeln – die den beliebten gazing balls in Gärten und Höfen Amerikas, aber auch hierzulande nachempfunden sind – spiegelt sich unweigerlich der Betrachter der Bilder oder Objekte samt seiner Umgebung, in konvexer Verzerrung wird er dem jeweiligen Kunstwerk gleichsam hinzugefügt. „Gazing Ball“ heißt auch die aktuelle Serie von Jeff Koons, in der er mit der blauen Kugel nicht nur die berühmten Bilder in ihren Neuschöpfungen bespielt, sondern eben auch Marcel Duchamps legendäre Ready-Mades: Beglückt soll der Betrachter werden, der freudig in die Werke einzugehen scheint.
Irgendwie befällt einen die Idee, die blauen Kugeln könnten auch am Weihnachtsbaum hängen. Und zumindest die beiden „Ballerina“-Plastiken wären doch en miniature ein sehr hübscher Christbaumschmuck. Dort gibt es ja neben den etablierten Herzchen und Hundchen – also Motiven, die Jeff Koons längst bedient hat in Übergröße – auch Pizzastücke, Gürkchen, Motorräder und Mini-Buddhas. Kleine Tänzerinnen wären willkommen, Hauptsache, es glitzert.
Noch eine Ballerina: Koons Plastiken sind dieses Jahr von dem traditionellen Tanz aus Italien inspiriert.
