
Schöne schlichte Räume haben oft eine schreckliche Akustik. Doch auch guter Sound kann gut aussehen.
Wolfgang Linhard zieht Frauen an, was ihre Männer in dem Fall freuen dürfte. Wenn ein Paar an den Schaufenstern von „My Sound“ am Starnberger See vorbeischlendert, bleiben zuerst die Frauen stehen, um einen Blick durch die großen Scheiben zu werfen. Die dahinterliegenden Räume fallen sofort auf, weil mehrere Quadratmeter große Fotos an den Wänden hängen, verspielte Installationen an der Decke plaziert sind und ungewöhnliche Raumteiler die Blicke auf sich ziehen. Dazu gesellen sich Designklassiker wie der Lounge Chair von Charles und Ray Eames oder der LC2 von Le Corbusier, aber auch moderne Sessel von Minotti. Die Männer werden bei ihrem Weg zum See hingegen eher von den etwas versteckten High-End-Produkten aufgehalten. Mächtige Lautsprecher von Wilson Audio, Magico, Martin Logan oder Sonus Faber verführen Klangverliebte ebenso wie Verstärker von Devialet oder Pass Labs, diese Räume zu betreten, weil sie gerade High End vom Feinsten erblicken.
Doch was ist „My Sound“ genau? Werden High-End-Produkte in einer schönen Umgebung präsentiert, oder sind sie nur schmückendes Beiwerk in einem Einrichtungsgeschäft? Wolfgang Linhard verkauft beides zusammen. Das ist sein Konzept. Die Gegenstände an den Wänden und Decken sind nur in zweiter Linie dekorativ. Sie sind primär dazu da, dass die Lautsprecher in ihren Räumen möglichst gut klingen. Die Schallwellen werden gezielt absorbiert oder umgelenkt durch riesige Bilder oder Holzfächer an Wänden, kugelige Flächen oder flügelartigen Installationen unterhalb der Decke. Hin und wieder findet man in der Funktionalität ähnliche Elemente in größeren Studios wie den Hifi-Profis in Frankfurt. Doch im Vergleich zu „My Sound“ wirken diese Lösungen weniger elegant und ausgeklügelt.
Kein gewöhnliches Bild: Dahinter steckt Technik, um die Schallwellen zu bearbeitenBilderstrecke
Mit seiner Raumausstattung bekämpft Linhard die klanglichen Schwächen von Wohnzimmern und anderen Räumen, die diese zwangsläufig haben. „Früher hat ein Wohnzimmer noch anders ausgesehen“, sagt er, „da war alles noch gedämpfter.“ Teppichböden und Gardinen sind vielerorts passé. Heutzutage werden riesige Fensterflächen eingebaut, Sichtbetonwände eingezogen oder nicht rechtwinklige Grundrisse verwirklicht. Wenn Architekten ein Wohnzimmer entwerfen, sind Blickachsen relevant, wie man den Raum nutzt, wie viel Tageslicht hereinfällt oder ob die Möbel des Bauherren untergebracht werden können. Doch die Aufgabe zu ergründen, wie Lautsprecher klingen, wenn sie in diesem Raum stehen, wird der Planer kaum übernehmen.
Das Problem: Viele Elemente der schönen neuen Wohnwelt sorgen nicht gerade für eine brillante Raumakustik. Beton hat als sehr hartes Material die Eigenschaft, die Schallwellen mit voller Energie wieder zurückzuwerfen. Geschieht das zwischen zwei Wänden, spielen sie gerade mit tiefen Tönen Ping Pong, so dass sogenannte Moden entstehen können. Das sind stehende Wellen, die jeder Freund des guten Klangs möglichst aus seinem Wohnzimmer verbannen will. Wände aus Gipskarton sind weicher, nehmen also etwas Energie der Schallwellen auf, so dass entstehende Moden weniger stark sind, sich dafür aber auf größere Frequenzbereiche verteilen. Glasscheiben hingegen reflektieren eher Töne im mittleren und oberen Frequenzbereich, so dass die Lautsprecher heller klingen als sie sollen. Entfernt sich ein Raum von einem rechtwinkligen Grundriss, rückt auch der unverfälschte Klang mehr in die Ferne. Von Vorteil ist auf jeden Fall konventionelles Inventar wie Vorhänge, dicke Teppiche oder ein Sofa, aber auch bei diesen kommt es darauf, wo sie stehen und in welchem Maße sie Wand und Boden bedecken.
