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Microsoft will den Desktop retten

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Surface Studio von Microsoft

Nicht nur bei der Dramaturgie einer Keynote lernt Microsoft von Apple. Mit dem Surface Studio präsentierte das Unternehmen einen All-in-one-Computer der Extraklasse.

Das nennt man Dramaturgie. Als die Keynote von Microsoft am Mittwoch Abend eine halben Stunde vorbei war, hatte man Lust, den Stream zu beenden und sich spannenden Dingen zuzuwenden. Immerhin ging es um die neue Version des bekanntesten Betriebssystem der Welt. Sie heißt „Windows 10 Creators Update“, kommt im Frühjahr 2017 und ist dann erst einmal kostenlos. Das besondere an diesem Windows ist die Fähigkeit, mit 3D umzugehen, „für jedermann“, wie immer wieder betont wurde. Weg vom Profi, der immer noch viele Programmierkenntnisse und viel Rechenleistung mitbringen muss. Was die Verantwortlichen dann als Fallbeispiele auf der Bühne zeigte, konnte nicht so recht begeistern. Der Beifall unter den Gästen hielt sich zurück.

Es geht darum, aus Fotos, Zeichnungen und realen Gegenständen dreidimensionale Objekte zu machen, die miteinander kombiniert werden können. Das geht im „Creators Update“ offenbar recht einfach, am besten mit dem Stift von Microsoft (Surface Pen) und Drag & Drop. Will man einen Gegenstand vom Schreibtisch dreidimensional in die digitale Welt holen, scannt man ihn mit einer App. Dieser kann dann mit anderen auf mehreren Wegen geteilt werden. Um die 3D-Mission zu pushen, bringt Microsoft das legendäre Programm „Paint“ als 3D-Version auf Windows.

Surface-Studio-4 Der Clou: Surface Studio lässt sich in nach unten drücken und hält in jedem WinkelBilderstrecke

Bis dahin erschien diese Funktionalität eher als Spielerei, als die Integration in Powerpoint vorgestellt wurde, konnte man schon eher nutzwertige Szenarien vor sich sehen. Ingenieure, Schüler und andere könnten davon profitieren, wenn sie dreidimensionale Objekt einfach in ihre Präsentationen einbinden können.

Als dann wieder einmal die Hololens, also Microsoft Augmented-Reality-Brille, auf der Bühne vorgeführt wurde, bewegte sich der Mauszeiger allmählich vom Stop-Button des Livestreams. Es wurde spannender. Denn Microsofts Browser Edge wird ebenfalls mit diesem 3D-Feature ausgestattet sein und kann in der Augmented Reality bedient werden. Der Clou dabei ist, dass sich 3D-Objekte in den Raum ziehen lassen.

Besonders anschaulich wurde das, als Stühle eines Online-Möbel-Portals an den Tisch gestellt wurden, um virtuell zu sehen, ob sie denn passen könnten zu den restlichen Möbeln. Solche Anwendungen gibt es seit vielen Jahren etwa vom Fraunhofer Institut, doch in dieser einfachen Umsetzung bisher noch nicht. Der letzte Schritt wurde ebenfalls vorgeführt: von der Augmented in die Virtual Reality. VR-Brillen werden von den Herstellern nach wie vor gehypt, da will Microsoft mit seinem Betriebssystem nicht hinten anstehen. Also hat man sich Partner wie HP, Dell, Lenovo, Asus und Acer an Bord geholt, die demnächst VR-Brillen anbieten werden.

Dass Microsoft ebenso wie Apple und Google in den eigenen Mikrokosmos locken will, zeigte eine neue Kommunikationsfunktion. Unabhängig davon, was man teilen will, seien es Worte, Fotos, Videos oder Powerpoint-Präsentationen, und unabhängig, auf welchem Gerät man das tut, sei es Smartphone, Tablet oder Computer, bekommt der Empfänger die Nachricht auf Windows als Vermittlungsplattform angezeigt. Wie das funktioniert, wenn ein Gerät nicht von Microsoft ist, müsste man dann mal testen.

Nach dem Book folgt das Studio

Panos Panay ist bei Microsoft zuständig für die Hardware-Entwicklung und legte bei der Keynote im letzten Jahr einen fulminanten Auftritt hin, als er sehr smart und clever das Surface Book vorstellte. Wenn er auf die Bühne kommt, weiß man, dass etwas Neues kommt. Also war die Langeweile vom Anfang verflogen. Bevor Panay ein Gerät einer „neuen Kategorie“ vorstellte, kam er nochmal auf das Surface Book zu sprechen. Das Detachable hat sich äußerlich nicht verändert, der Bildschirm kann also abgenommen werden und wird zum Tablet.

Doch weil Spieler und Ingenieure noch mehr Power wollten, so Panay, hat man es noch schneller und ausdauernder gemacht. Mit dem i7-Prozessor, neuer Grafikeinheit und mehr Batterien soll es auf eine Akkulaufzeit von 16 Stunden kommen. Nicht nur das wäre beeindruckend, auch soll es das schnellste Notebook dieser Art sein. Teuer ist es weiterhin. Für 2399 Dollar können es Kunden ab heute vorbestellen, im November wird geliefert.

Alles in einem

Und dann kam Panays „one more thing“, über das im Vorfeld schon spekuliert wurde: der Surface Studio. Anfangs konnte man den unweigerlich in den Kopf tretenden Kommentar „Ein iMac von Microsoft“ nicht verdrängen. Denn Studio gleicht ihm schon. Es ist ein 28 Zoll großer Monitor, in dessen Fuß und Stützen die Technik sitzt. Davor liegen eine kabellose Tastatur und Maus, um ihn zu bedienen.

Doch nun setzt sich Microsoft ab. Der Bildschirm ist berührungsempfindlich und lässt sich mit dem Finger oder Surface Pen bedienen. Hinzu kommt, dass er sich so nach unten klappen lässt, sodass er leicht angewinkelt auf dem Tisch liegt. Der Bildschirm mit einer Tiefe von 12,5 Millimeter sei der „dünnste LCD-Monitor“, der je gemacht wurde. Er löst mit 13,5 Millionen Pixel auf (Pixeldichte von 192 ppi), bildet Truecolor ab und seine Farbräume lassen sich per Klick ändern. Oberhalb sitzt eine HD-Kamera. Er sei, „built for professionals“, ebenso der Preis. 2999 Dollar will Microsoft für All-in-one-PC.

Puck für vieles

Das Schmankerl des Abends war der Surface Dial. Der sieht aus wie ein silberner, etwas zu hoch geratener Puck. Er kann ähnlich wie das Scrollrad der Maus benutzt werden. Oder man hält ihn auf den Bildschirm, dann öffnet sich je nach Menü ein Programm, zum Beispiel die Farbauswahl in Photoshop, die man dann per Drehen bedienen kann.

Microsoft zeigte an diesem Abend einmal mehr, dass das Unternehmen auch Hardware kann. Vielleicht liegt es an der Kategorie, aber im Vergleich zu den Neuerungen in Windows konnte Surface Studio mehr überzeugen.