Leib & Seele

Auf Spurensuche in Heilbronn

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Eine, zwei, drei Generationen später: David (von links), Kris, Mike, Maya und Trudy Bronner in der Fabrik in Heilbronn an den Kesseln der Vorfahren

Sie führen den größten amerikanischen Hersteller für Naturseife. Nun haben Mike und David Bronner in Deutschland nach den Wurzeln ihres Unternehmens gesucht. Über ein Familientreffen der besonderen Art.

Jetzt stehen sie hier gemeinsam in der Sonne und klopfen sich auf die Schultern, auf dem Parkplatz hinter der Fabrik, deren Fenster so klein sind, dass man sich zum Hindurchschauen ein Stück vorbeugen muss. Mike Bronner, dessen Familie in fünfter Generation Seife herstellt, seit drei Generationen in den Vereinigten Staaten, und Nicki Frank, Sohn des Besitzers der Druckgussfabrik Georg Frank & Co. GmbH (seit 1949), kennen sich mittlerweile. Denn sie standen schon einmal gemeinsam hier.

Das war im Jahr 2010. Mike Bronner hatte gerade begonnen, sich mit den deutschen Wurzeln seines Unternehmens zu beschäftigen. Er war zu Besuch in Heilbronn, wo seine Familie zu Beginn des 20. Jahrhunderts Flüssigseife angerührt hatte. Mike Bronner bog also in die Einfahrt ein, stellte sein Auto auf diesem Parkplatz ab und beugte sich vor, um durch die Fenster einen Blick auf die riesigen Kessel zu werfen, die ihm bekannt vorkamen.

Der geborene Geschäftsführer und der Aktivist

Da kam dieser junge Typ herausgerannt, Nicki Frank, und motzte ihn an. Was er denn, bitte schön, hier zu suchen habe, das sei Privatgelände. Mike Bronner antwortete: „Das gehörte früher meiner Familie.“ Nicki Frank darauf: „Ach so, Sie sind das. Kommen Sie mal mit. Wir haben hier noch alte Seifenmaschinen.“ Und noch Pläne von 1903.

Mike Bronner ist an diesem Freitag im Sommer 2016 mal wieder in Deutschland unterwegs, zusammen mit seinem Bruder David, seiner Schwägerin Kris, seiner Nichte Maya sowie seiner Mutter Trudy, auf den Spuren der Vorfahren in Deutschland. Die Brüder könnten unterschiedlicher kaum sein. Mike, in gestreiftem Hemd zur dunklen Hose, bringt mit seiner direkten Art und seinem souveränen Auftritt alles mit für den Posten eines Geschäftsführers. David ist der Aktivist, in buntem Batik-T-Shirt und Flip Flops.

Von Kalifornien in den Rest der Welt

Es sind auch die zwei Seiten von Dr. Bronner’s Magic Soap, der Marke, die von Kalifornien aus die Vereinigten Staaten mit Flüssigseife versorgt und sich nun den Rest der Welt vornimmt. Mike und David Bronner führen das größte amerikanische Unternehmen für Naturseife. Die Gehälter der Chefs sind nicht mehr als fünf Mal so hoch wie das des einfachsten Mitarbeiters – die soziale David-Seite.

Die Familie, die eigentlich seit Jahrzehnten in Südkalifornien lebt, sitzt an diesem Vormittag im ersten Stock eines Hauses in Mulfingen, 40 Kilometer nordöstlich von Heilbronn – an einem Stück Zuhause, einem dicken Holztisch, der seine eigene Geschichte erzählt. Seit 70 Jahren steht der Eichentisch hier im Haushalt der Nachkommen von Tante Agathe, dem ehemaligen Hausmädchen der deutschen Familie von Mike und David Bronner.

Früher nannte man sie die Heilbronners

Tante Agathe wäre in diesem Jahr 120 geworden, sie war 22, als sie im Haushalt anfing, und um die 40, als Mike und David Bronners Urgroßeltern als Juden die Anfeindungen der Nationalsozialisten zu spüren bekamen und ihr Haushalt aufgelöst wurde. Tante Agathe nahm sich des Silbers der Familie an, versteckte es in Mulfingen zwischen den Steinen einer Mauer, in Sichtweite des Hauses, in dem jetzt die Nachfahren der jüdischen Familie sitzen. Von dem Eichentisch wird bis heute gegessen. Leider glaubte man in den fünfziger Jahren, für die Oberfläche sei eine neue Resopalplatte nötig.