
Billiges Material, kostbares Ergebnis: Die Französin Lison de Caunes fertig Möbel mit Roggen-Intarsien für die Stardesigner unserer Zeit. Ein Besuch bei einer besonderen Künstlerin.
Sachen gibt es in Paris, die gibt’s sonst nirgendwo. Hochzeitsbuffets mit Bäumen aus Erdbeeren, einen sozialistischen Präsidenten mit königlich bezahltem Leibfriseur – und eine Frau, die aus Stroh Gold macht. Diese Frau trägt den schönen Namen Lison de Caunes, ist die weltweite Expertin für „Marqueterie de Paille“-Möbel und hat eine romaneske Familiengeschichte mit einem derart schillernden Clan, dass neben ihm selbst die „Geisterhaus“-Familie der Isabelle Allende etwas blass aussieht.
Möbel, Mode, Literatur, Schauspiel: Arbeit und persönliche Passion sind in ihrer Familie so eng miteinander verknüpft, wie es nur in einem zentralistischen Land vorkommen kann, in dem die Hauptstadt die großen Talente über Generationen anzieht. Ein Ort, an dem diese Familien auf wenigen Quadratkilometern nebeneinander arbeiten, untereinander heiraten und so eine kreative Elite entsteht, die die Franzosen schön anschaulich „Gratin“ nennen. In diesem heißklebrigen Kultur-Universum lebt das „Art de Vivre“ weiter, die besondere französische Lebensart in Hochkultur, die mit dem Wort Lifestyle so viel zu tun hat wie ein Trüffelsoufflé mit einem kalten Cheeseburger. Und dazu gehören auch Möbel mit Stroh-Marketerie, Lisons Marqueterie de Paille.
Pro Jahr 500 Bündel Stroh
Die lässig-elegante Handwerkerin – samtige Stimme, kräftige braune Hände – sitzt in ihrem Atelier im 6. Pariser Arrondissement unweit des Kaufhauses „Le Bon Marché“, dem ersten Warenhaus der Welt, in ihrem Atelier. Um sie herum Paravents, Teetische und Schränke, die in ausgefallenen Mustern schimmern, flimmern, leuchten. Auf den ersten Blick sehen ihre Oberflächen aus wie die Holzeinlegearbeiten der französischen Kunsttischler, doch nein: diese Muster entstehen aus einfachstem Roggen. Es ist Stroh-Marketerie, auf Französisch Marqueterie de Paille, eine äußerst seltene Technik. Marketerie bezeichnet das Schmücken eines Objekts mit Einlegearbeiten, das Verkleiden eines Möbels mit Furnieren. Im Gegensatz zu klassischen Intarsien werden die Puzzle-Motive nicht in den Korpus eingesetzt, sondern direkt auf der Oberfläche fixiert. „Es ist eine wahnsinnige Arbeit, aber das macht ihren Charme aus“, sagt die Handwerkerin.
Spiel mit Farbnuancen: Roggen fängt im Gegensatz zu Holz das Licht auf natürliche Weise ein.
Lison de Caunes eignete sich nach einer Lehre als Buchbinderin und Vergolderin Ende der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts die fast vergessene Stroh-Technik an. Heute ist sie die weltweit anerkannte Fachfrau dieses Handwerks und bildet eine neue Generation aus. Sie ist Mitglied der „Grands Ateliers de France“ und Trägerin des Ordens der Ehrenlegion.
In Lisons idyllischem Hinterhofatelier riecht es leicht süßlich, nach Stroh und Holz und etwas Leim. Sechs Angestellte, alle von ihr ausgebildet, setzen ihre Entwürfe um. Es ist ganz still, keine elektrischen Werkzeuge, nur Maßband, Skalpelle, Schwämme. Der gefärbte Roggen wird in zwei Hälften aufgebrochen und in kurze Stücke geschnitten, dann ganz eng Halm an Halm mit weißem Buchbinderleim auf die Unterfläche aufgeklebt. Vorher wird mit Bleistift das Motiv auf das Holz vorgezeichnet. Direkt auf dem Holz werden überstehende Halme mit dem Skalpell abgeschnitten, die Reste des Leims mit Druck abgewischt. „Die Außenseite des Strohs ist mit einem natürlichen Siliciummantel überzogen, die in der Natur das Wasser abperlen lässt, deshalb geht der Leim gut weg – nur die poröse Innenseite lässt ihn gut kleben“, erklärt sie. Wie der Kunsthandwerker dann sein Motiv ausführt, mit Lichtreflexen und Farbnuancen spielt, ist ihm überlassen. Stroh fängt im Gegensatz zu Holz auf natürliche Weise das Licht. „Für diese Arbeit muss man sehr ruhig sein, ganz Zen, an aufgeregten Tagen geht es schlecht“, sagt die Meisterin. Lison kauft pro Jahr 500 Bündel Stroh bei einem Getreidebauern in der Normandie, der den Roggen auch für das Decken von Reetdächern verkauft und die Halme auf eine Höhe bis zu 2,50 Meter wachsen lässt. Am Anfang färbte Lison ihr Stroh meist selbst, da es bei ihm nur die Farben Schwarz, Braun und Natur zu kaufen gab. „Heute bietet er 15 Farben an, aber manchmal färbe ich kleinere Mengen nach wie vor in meinem alten Fischtopf oben in der Küche meines Apartments“, sagt Lison und lacht. „Ich lasse das Stroh ein bis zwei Stunden mit Dylon-Textil-Farbpuder sanft köcheln und schaue, wir es wird.“ En vogue sind im Moment besonders Grautöne, Silber und Schwarz, vor allem bei Paravents und Wandvertäfelungen.
