
Afroamerikaner finden einen neuen Weg des Protestes gegen Polizeigewalt und Diskriminierung. Sie eröffnen Konten bei ganz speziellen Banken.
In den Vereinigten Staaten hat die Protestwelle wegen tödlicher Schüsse von Polizisten auf Afroamerikaner die Banken erreicht. Eine Reihe kleinerer afroamerikanischer Kreditinstitute meldete in den vergangenen Tagen einen deutlichen Anstieg von Kontoeröffnungen und neuen Einlagen. Damit wollen die neuen Kunden offenbar die Kreditvergabe an Unternehmen und Verbraucher in den oft ärmeren Schwarzenvierteln unterstützen und diese Gemeinden stärken.
Bei einer Bank in Atlanta gingen innerhalb weniger Tage Tausende neue Kontoanträge ein. Prominente wie die Musikerin Solange Knowles, die Schwester von Superstar Beyoncé, teilten über soziale Medien mit, dass sie ein Konto bei einer afroamerikanischen Bank eröffnet haben. Es sei „an der Zeit, Worten Taten folgen zu lassen“, postete Knowles auf Instagram, wo ihr 1,4 Millionen Leute folgen. Knowles machte keine Angaben zur Bank ihrer Wahl, hängte aber einen Artikel mit einer Liste von Kreditinstituten an.
„Die neuen Einlagen sind umfangreich, und es geschieht im ganzen Land“, sagte Michael Grant, Präsident der National Bankers Association (NBA), der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die NBA ist ein Verband von Banken, die mehrheitlich im Besitz von Minderheiten oder Frauen sind – darunter auch mehr als zwanzig afroamerikanische Banken. Konkrete Angaben zur Gesamtzahl der neuen Konten oder zu dem Umfang der Einlagen konnte Grant zu diesem frühen Zeitpunkt aber noch nicht machen. Ausgelöst wurde der über soziale Medien als #BankBlack verbreitete Trend erst Anfang Juli von einem bekannten Rapper.
„Ich rege an, dass wir unseren Krieg zu den Finanzinstituten tragen“
Der schwarze Musiker und Aktivist Michael Render, der als „Killer Mike“ firmiert, rief in einer Sondersendung der Unterhaltungssender MTV und BET dazu auf, Gelder in einer „kleinen schwarzen Bank oder Kreditgenossenschaft“ anzulegen, um kleine afroamerikanische Unternehmen und Hauskäufer zu unterstützen. „Wir können nicht auf die Straße gehen und anfangen zu bomben, zu schießen und zu töten“, sagte Render in der Sendung. „Ich ermutige niemanden, Gewaltakte zu begehen. Ich rege an, dass wir unseren Krieg zu den Finanzinstituten tragen.“ Die Sender hatten mit der Diskussionssondersendung auf eine Eskalation der Gewalt reagiert. Erst waren innerhalb von nur 48 Stunden in den Bundesstaaten Minnesota und Louisiana zwei Afroamerikaner von Polizisten erschossen worden. Danach wurden bei einem Protestmarsch in Dallas fünf Polizisten von einem schwarzen Ex-Soldaten getötet.
Afroamerikanische Kreditinstitute haben in den Vereinigten Staaten eine lange Tradition. Die ersten dieser Banken gehen auf die Zeit nach dem amerikanischen Bürgerkrieg im 19. Jahrhundert zurück. Angesichts der Rassendiskriminierung boten die Banken schwarzen Amerikanern in den Südstaaten damals die einzige Möglichkeit, ein Konto oder einen Kredit zum Aufbau eines Geschäfts zu bekommen. Mit der großen Völkerwanderung der Afroamerikaner in die Nordstaaten etablierten sich Anfang des 20. Jahrhunderts dann Banken in den neuen Schwarzenvierteln wie Harlem in New York. Damals gab es mehr als 100 dieser Kreditinstitute. Diskriminierung hielt in den folgenden Jahrzehnten aber auch in Finanzfragen an.
Ökonomische Kluft zwischen Schwarzen und Weiße
In einer als „Redlining“ berüchtigten Praxis zogen traditionelle Banken gleichsam einen roten Strich um einkommensschwache Gegenden und vergaben dort keine Hypotheken oder andere Kredite – was mit zum Verfall der Viertel beitrug. Erst ein Bundesgesetz Ende der siebziger Jahre, der Community Reinvestment Act, zwang große Banken, auch Kredite in ärmeren Vierteln zu vergeben – was die schwarzen Banken angesichts der stärker werdenden Konkurrenz allerdings schwächte. Afroamerikanische Banken wurden zuletzt auch vergleichsweise härter von der großen Finanz- und Wirtschaftskrise getroffen. Eine überdurchschnittlich große Zahl einkommensschwacher Schwarzer in Amerika hat zudem überhaupt kein Bankkonto und ist auf teure Scheckeinlösestellen oder Geldverleiher angewiesen. Auch scheint es für Minderheiten immer noch schwieriger zu sein, bei größeren Banken Kredite zu bekommen. „Ich weiß das, weil ich ein kleines Unternehmen habe und diese Kredite beantragt habe“, sagte Musiker Killer Mike, der bei den Vorwahlen der Demokraten den Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders unterstützt hatte.
Die Polizeigewalt gegen Afroamerikaner zumeist aus ärmeren Gegenden wirft ein Schlaglicht auf die anhaltende ökonomische Kluft zwischen Schwarzen und Weißen in den Vereinigten Staaten. Das wiederum führt zu einer Art Rückbesinnung auf das wirtschaftliche und soziale Potential der Schwarzenviertel. Für Verbandspräsident Grant ist die Eröffnung eines neuen Kontos eine „konkrete Maßnahme“, wie sich Leute gegen ökonomische Ungerechtigkeit wehren und ihr Viertel stabilisieren können. „Gibt es einen besseren Weg, die Probleme des schwarzen Amerikas anzugehen, als unsere Dollar zu nutzen, Vermögen aufzubauen und Arbeitsplätze in unserer Gemeinde zu schaffen?“ Die Bank, die bisher am stärksten von der Bewegung profitiert zu haben scheint, ist die 95 Jahre alte Citizen’s Trust Bank aus Atlanta, die Killer Mike in sozialen Medien erwähnt hat. Bei der Bank, die mehrere Filialen in den Südstaaten Georgia und Alabama betreibt, sind nach eigenen Angaben in nur fünf Tagen 8000 Anträge für die Eröffnung eines Kontos eingegangen.
