
Der französische Ethnologe Marc Augé schreibt über das Abenteuer, auf dem „vélo“ zu sitzen und über den Kult des radelnden Arbeiters. Im Gespräch erklärt er zudem, woher die Solidarität von Menschen im Sattel kommt.
Monsieur Aug , konnen Sie sich noch daran erinnern, wie Sie Fahrradfahren gelernt haben?
Ja, naturlich. Das ist lange her. Ich bin ja schon 80. Ich habe es in den Ferien gelernt, bei meinen Großeltern in der Bretagne. Da muss ich elf oder zwolf gewesen sein. Der Hund meiner Großeltern hat mich immer begleitet, und wir fuhren Pilze suchen oder so. Und ich fuhlte mich frei auf dem Fahrrad, das Radfahren weitete meinen Horizont. Sie mussen sich vorstellen, dass ich damals ein sehr braves Kind war. Ich kam immer punktlich nach Hause, aber mit dem Fahrrad konnte ich mich in der gleichen Zeit viel weiter von zu Hause entfernen als zu Fuß und eine andere Welt entdecken: Ich sah Häuser und Leute, die ich noch nicht kannte. Das war ein Abenteuer.
Und heute, ist das Fahrradfahren heute immer noch ein Abenteuer?
Es ist immer noch ein Abenteuer, aber ein anderes (lacht). Heute liegt das Abenteuerliche darin, dass man auf dem Fahrrad, anders als im Auto, dazu gezwungen wird, mit anderen Leuten in Beziehung zu treten. Man kann sich nicht abkapseln. Man sieht die anderen und begegnet ihnen ganz anders. Dadurch werden die Straßen wieder viel mehr zu sozialen Räumen.
Wie meinen Sie das genau? Man fährt doch mit dem Fahrrad eigentlich auch nur aneinander vorbei?
In Paris gibt es zum Beispiel diese Fahrrad-Ausleihstationen, „V lib“ heißen die. Wenn man sich dort ein Rad ausleiht, kommt man mit anderen Menschen in Kontakt. Die Jungeren, die meist mehr Erfahrung damit haben, helfen den älteren. Man kommt sich dort näher als im Auto. Es ist ein Ort, wo neue soziale Beziehungen entstehen. Es gibt auch eine gewisse Solidarität zwischen Radfahrern, eine generationsubergreifende Solidarität.
Sie schreiben in Ihrem Buch, dass das Radfahren in den dreißiger Jahren der vergangenen Jahrhunderts ein Kult oder ein Mythos war. Wieso?
Das hatte mehrere Grunde. Einerseits war das Rad ein populäres Transportmittel, mit dem die Arbeiterklasse zur Arbeit fuhr, und andererseits gab es den glamourosen Radsport – die Tour de France. Die hat dem radelnden Arbeiter ein Prestige verliehen, und diese Verbindung zwischen dem Rad als Transportmittel des Proletariers und dem Rad als Instrument des sportlichen Helden, die hat den Kult und den Mythos des Radfahrens begrundet.
Und warum ist es heute kein Kult und kein Mythos mehr?
Na ja, die Tour de France zieht ja immer noch Hunderttausende Menschen an, die sich an den Straßenrand stellen und den Fahrern zujubeln. Aber was sich geändert hat, ist, dass wir jetzt, anders als noch in den sechziger Jahren, bei der Tour keine nationalen Mannschaften mehr haben, sondern Marken, die den Mannschaften ihre Namen geben. Die haben die Rennfahrer vom Athleten zum Werbeträger gemacht, und so stiften sie viel weniger Identität im Volk. Und das systematische Doping hat die Fahrer dann auch noch zu passiven Instrumenten kommerzieller Strategien gemacht. Es hat den Radsport in Verruf gebracht und den Mythos zerstort, weil man den Sportlern nicht mehr abnimmt, dass sie Helden sind.
Haben Sie fruher wirklich gedacht, dass Radrennfahrer Helden sind?
Ja, fruher konnten wir Zuschauer uns wie die Gotter bei Homer vom Balkon herablehnen und uns die Schlacht angucken. Es gab Helden, die scheiterten, und welche, die siegten. Wir waren in der gottlichen Position, wir entschieden zwar nicht, wer gewinnen wurde, aber wir hatten, wie die Gotter bei Homer, unsere Sympathien. Das hat sich alles geändert. Aber irgendwie lebt der Mythos trotzdem immer noch weiter, denn wir brauchen ihn einfach.
Radfahren zu lernen heißt, zu lernen, mit der Zeit umzugehen, schreiben Sie.
Ja, der Bezug zur Zeit ist sehr klar. Man muss das Radfahren lernen, wenn man jung ist, und man lernt auf dem Rad sehr schnell seine Grenzen kennen, zum Beispiel an einer Steigung. Man lernt so, seine Kräfte besser einzuschätzen. Diese wachsende Selbsterkenntnis ist hilfreich, und sie nutzt einem auch noch, wenn man alt ist. Da merkt man nämlich, dass man schneller ermudet. Man lernt also einerseits, mit der kurzen Zeit des Tages umzugehen, und andererseits, mit der langen Zeit der Jahre. Und das Fahrrad bietet sogar eine Erfahrung der Ewigkeit. Jemand, der nach Jahren ein wenig ängstlich wieder auf sein Fahrrad steigt, fuhlt sich so wie jemand, der sich an den Strand legt und die Augen schließt und das Gefuhl hat, seine Kindheit wiederzufinden. Radfahren ist wie Schwimmen, man verlernt es nicht.
