
Revolution oder Spielerei? Philips verheiratet das Diktiergerät mit dem Smartphone. Was bringt es dem Profi? Erster Blick auf das neue Speech Air.
Mit professionellem Diktieren sind weder die kurzen Akustikschnipsel fur private Erinnerungen gemeint noch die Gesprächsaufzeichnungen, mit denen zum Beispiel Journalisten arbeiten. Fur all das gibt es Smartphone-Apps, die gut funktionieren. Hier geht es um jene, die ein hohes Textaufkommen verarbeiten, teils stundenlang täglich wie Anwälte und Gutachter oder immer wieder fur einige Minuten wie ärzte. In solchen Szenarien sind die Anforderungen hoch: schnelle Texterfassung, zuverlässige Transkription, sichere Zuordnung zu Fällen und die Einbindung in einen Workflow, der sämtliche Abläufe automatisiert. Das alles kann kein Smartphone, sondern ist ein Job fur Spezialisten.
Doch nun bringt Philips sein Speech Air auf den Markt: ein Diktiergerät mit Smartphone-Unterbau. Kann das gutgehen? Mitbewerber Olympus hatte ein ähnliches Gerät vor genau einem Jahr gezeigt. Es heißt Voisquare, aber niemand konnte es bislang testen, es ist ein Phantom. Die Vorzuge einer solchen Idee liegen jedoch auf der Hand: Standardtechnik, großes Display, Erweiterbarkeit mit Apps, Kamera zum Barcode-Scannen, mehr Konnektivität denn je mit den ublichen Drahtlosprotokollen. Dem ersten gewichtigen Einwand begegnet Philips schon bevor er ausgesprochen ist: Ja, das Gerät hat einen Schiebeschalter, auf das gewohnte Diktieren mit Daumensteuerung muss man also nicht verzichten, so aktiviert man Start und Stopp oder navigiert in der Aufzeichnung. Fur Profis ist der Schiebeschalter zentral.
Der erste Blick auf das Speech Air lässt das Gerät dennoch ungewohnt erscheinen. Es wirkt etwas moppelig, und dieser Eindruck ist nicht der Hohe, sondern der Breite geschuldet. Mit 6,2 – 12,7 – 1,5 Zentimeter sowie den uppigen schwarzen Rändern uber und unter der Farbanzeige sieht es ein bisschen wie ein älteres iPhone 4 aus, dessen Maße jedoch deutlich uberschritten werden. Auch besteht die seitliche Umrandung nicht aus Metall, sondern aus Plastik. Das Display mit einer Diagonale von 4 Zoll (10 Zentimeter) und Auflosung von 800 – 480 Pixel wurde man bei einem Smartphone als hoffnungslos veraltet bezeichnen. Die weiteren technischen Daten lassen Handy-Begeisterte abermals den Kopf schutteln: 1 Gigabyte Speicher, 16 Gigabyte Flash-Speicher, keine Speicherkarten-Unterstutzung, Akku fest verbaut, kein Mobilfunk, 5-Megapixel-Kamera, Uralt-Prozessor und ein historisches Android-Betriebssystem 4.4.2 bereiten keine Freude. Man kommt an die Standard-Apps wie Browser, E-Mail und Kalender, der Google-Play-Store zum Laden weiterer Software fehlt jedoch.
Ein Diktiergerät, das aussieht wie ein altes Smartphone
Aber: Es ist ein Diktiergerät. Es ist kein Smartphone und will auch keins sein. Im Vergleich mit einem Oberklasse-Diktiergerät wirkt das Display riesig, die App fullt den gesamten Bildschirm, und die Menus und Schaltflächen lassen sich nun bequem mit dem Finger bedienen statt uber kleine Tasten. Nicht fehlen darf die große rote Aufnahmelampe, die sofort den aktuellen Status zeigt. Während der haptische Eindruck des Geräts fur uns zu sehr den Geschmack von Plastik hat, weist Philips darauf hin, dass der Schiebeschalter identisch sei mit dem des bisherigen Spitzenmodells DPM 8000. Er wirkt indes billiger.
Die Mikrofontechnik des DPM 8000 sei ebenfalls eins zu eins ubernommen worden. Hier stimmen wir nach ausgiebigen Experimenten zu: Der Vorteil der Philips-Oberklasse ist ihre geradezu legendäre Nebengeräuschunterdruckung. Man kann mit einem DPM 8000 selbst in sehr lauter Umgebung ohne die eigene Stimme anzuheben so diktieren, dass die Spracherkennung am PC in einem zweiten Schritt muhelos gelingt. Wir ließen das Radio laut laufen und diktierten gleichzeitig in das DPM 8000 und das Speech Air. Nun schlägt sich das neue Gerät bestens, zumal es mit mehreren Mikros ausgestattet ist, deren Richtcharakteristik und Empfindlichkeit sich einstellen lässt.
Komplizierte W-LAN-Einrichtung und kein MP3-Format
Jedoch sind einige weitere Besonderheiten zu beachten: Ohne Speicherkarte und Mobilfunkanbindung gelangen die Diktate entweder via Kabel, mitgelieferter Docking Station oder drahtlos mit W-Lan zum Rechner und damit in den Workflow der Weiterbearbeitung. W-Lan soll uber die Freigabe in einen Netzwerkordner laufen, dies einzurichten gelang uns nicht. Nachteilig ferner: Neben dem PCM-Datenformat mit riesengroßen Dateien wird nur DS2 unterstutzt. Das MP3-Format mit Dateigroßen zwischen beiden Extremen lässt sich fur das neue Gerät nicht wählen, was Mac-Nutzer bedauern werden, weil der Spracherkenner Dragon Naturally Speaking fur den Apfel-Rechner kein DS2 unterstutzt.
Einen weiteren Nachteil hat das Speech Air mit vielen besonders gunstigen Android-Geräten gemeinsam: die starke Selbstentleerung des Akkus sogar im Flugmodus. Nach einigen Tagen ist der Akku leer. Das Problem sei dem Beta-Status unseres Geräts geschuldet und werde behoben, sagt Philips. Bis dahin nutze man die mitgelieferte Docking Station, die Ladevorgang und Datenubertragung ubernimmt. Zum Laden muss das externe Netzteil angeschlossen sein, Rechner und USB-Kabel allein sind nicht ausreichend. Fur die Docking Station hat das Gerät neben dem Micro-USB-Anschluss einen zweiten Port, der ein Einrasten schon beim Hineinstellen erlaubt. Die Aufnahmezeit liegt bei einigen Stunden, verzichtet man auf W-Lan, lassen sich bis zu 18 Stunden erreichen, sagt Philips. Eine eigene Sim-Karte hätte die Akkulaufzeit reduziert und die Systemarchitektur komplizierter gemacht, heißt es. Wer unterwegs seine Diktate versenden will, dockt das Gerät mit W-Lan oder Bluetooth an ein Smartphone an, das als Hotspot eingerichtet ist.
Das Speech Air wurde in Europa entworfen und wird in China gebaut. Das Konzept ist spannend und hat viel Potential. Jetzt mussen die Produktivitäts-Apps folgen. Konservative Zeitgenossen mogen bei ihrem DPM 8000 bleiben. Wer einen Blick in die Zukunft des Diktierens werfen will, sollte das Speech Air fur 830 oder 950 Euro (mit zusätzlicher Software) in die nähere Wahl ziehen.
