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Mit dem Fischauge in die virtuelle Realität

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360-Grad-Blick: Der Hamburger Hafen

Aus Amerika kommt eine Action-Cam für Rundum-Aufnahmen. Mit Apps oder VR-Brillen lässt es sich durch die 360-Grad- Videos navigieren.

Zoomen, Bildausschnitt wählen, Tiefenschärfe festlegen – das alles zählt nicht zum Repertoire des Action-Filmers: Die Mobilkamera am Helm oder am Fahrradlenker fängt einfach mit weitem Winkel ein, was ihr vor die Linse kommt. Ein amerikanischer Hersteller hat diese Philosophie nun auf die Spitze getrieben – mit einer Action-Cam, die wie mit einem Super-Fischauge Rundum-Videos dreht. Das kleine Gerät hat, passend zur Mission, die Form einer Kugel, die in die geschlossene Hand passt. Eine Oberflächenstruktur aus kleinen Polygonen sorgt dafur, dass die kleine Aufnahmemaschine nicht einfach wegrollt, wenn man sie auf eine plane Fläche legt. Das obere Viertel des runden Korpus besteht aus einer Linse, die horizontal im 360-Grad-Winkel filmt und vertikal immerhin 240 Grad schafft, also Videos mit einer Sichtweise dreht, die, geometrisch ausgedruckt, einem ziemlich großen Kugelabschnitt entspricht. Dazu passt der Name von Produkt und Hersteller: 360fly nennen sich beide. Wir wollten wissen, was man damit machen kann.

Die quadratischen Roh-Videos, sie haben die Auflosung von 1504-1504 Bildpunkten, vermitteln den Reiz des Bizarren: Blickt die Kamera nach oben, lichtet sie in der Mitte den Himmel als eine runde Fläche ab, umringt von allem, was sie mit ihrer 360-Grad-Sichtweise wahrnimmt. Wir haben ein paar Probeaufnahmen im Hamburger Hafen gedreht: Unten krummt sich das Museumsschiff Rickmer Rickmers um den zentralen Himmel, rechts oben unter dem Schild zeigt sich klein, aber unverkennbar die Silhouette der Elbphilharmonie, links hat gerade eine Barkasse abgelegt, um mit ihrer Touristenfracht flussabwärts zu tuckern . Aus solch einem Foto konnte man ein originelles Poster machen, aber das ist nicht der wichtigste Verwendungszweck.

Ein Gefuhl davon was die Zukunft bringt

Mit speziellen Apps, die es fur Android, iOS, Macs und Windows-Rechner gibt, kann man durch die Rundum-Bilder navigieren – ganz einfach mit Finger-Wischbewegungen auf dem Bildschirm oder dem Touch-Pad. So entstehen 16:9-Darstellungen, in denen, je nach Ausschnittsgroße, die Krummungen moderater werden oder beinahe ganz verschwinden.

Also: Mit dem Wisch zweier Finger konne wir horizontal durch das gesamte Hafenpanorama scrollen, wir konnen aber auch auf- und abwärts wischen, etwa um die Takelage des alten Frachtseglers näher anzuschauen. Die Sache funktioniert auch mit Brillen fur die virtuelle Realität: Läuft das Video auf der Smartphone-App, ruft ein Tipp auf das VR-Brillensymbol am unteren Display-Rand zwei Bildchen auf den Schirm, die das Telefon fur den Einsatz in einer Google Cardboard-Brille präparieren.

Das sind jene Schlichtkonstrukte aus Pappe und Linsen, die sich alle gängigen Smartphones als bildgebende Elektronik einverleiben konnen. Das Telefon nutzt dann seine eingebauten Sensoren zur eigenen Positionsbestimmung und navigiert entsprechend durch den selbst gedrehten Film – ganz einfach durch Kopfbewegungen. Wir haben es ausprobiert. Zwar sind Auflosung und Bildqualität mit dem Pappkameraden vor der Nase nicht uberwältigen, aber Spaß macht der Blick in die virtuelle Welt allemal. Und man bekommt ein Gefuhl dafur, was da noch auf uns zukommen wird.

Geeignet zum Schnorcheln und im Hallenbad

Daruber hinaus beherrschen die Apps noch ein paar weitere Funktionen: Sie konnen ausgewählte Sequenzen scheiden, exportieren oder auch direkt in soziale Netzwerke hochladen. Die Smartphone-Apps dienen zudem als Sucher: uber Bluetooth oder W-Lan nimmt das Telefon Kontakt zur Kamera auf, zeigt auf dem Schirm, was der Bildsensor sieht, und ein Tipp auf den virtuellen roten Knopf startet die Aufnahme. Ein in die Kamerakugel eingebauter, 32 Gigabyte großer Speicher reicht fur drei Stunden lange Filme in MPEG 4 (Dateikurzel: mp4), der Akku an Bord hält knapp zwei Stunden durch.

39169259 Die Kamera am Lenker

Den Ton nimmt das Gerät in Mono auf – mit einer Spar-Datenrate von 64 Kilobit je Sekunde. Fur hohere HiFi-Genusse reicht das nicht, aber das muss man von einer Action-Cam auch nicht unbedingt erwarten. Das kleine Gehäuseloch, hinter dem das Mikrofon sitzt, lässt sich bei Bedarf mit einem winzigen Stopsel verschließen. Dann kann die Kamera sogar auf Tauchstation gehen- furs Hallenbad oder zum Schnorcheln sollte der Wasserschutz reichen, 360fly verspricht sogar ambitionierte Tauchtiefen bis 35 Meter. Bevor die Kamera ihren ersten Einsatz erlebt, muss sie aber erst einmal auf die mitgelieferte Ladestation, die uber ein USB-Kabel mit einem 5-Volt-Adapter Verbindung aufnimmt. Sechs Kontakte auf der Unterseite der Kamera sorgen fur den Strom- und später auch fur den Signaltransfer: Via USB kann die Kamera die fertigen Filme an einen Computer ubertragen.

Besonders beliebt bei Mountainbikern und BMX-Fahrrad-Artisten

Der Rechner sieht das Gerät dann einfach als Massenspeicher. Zur Befestigung der Kamera liefert 360fly zwei Klebe-Adapter mit, die sich zum Beispiel an einem Helm fixieren lassen, und einen weiteren Universaladapter, der sich mit vielen verschiedenen Halterungen aller erdenklichen Hersteller kombinieren lässt. Eine spezielle Befestigung fur den Fahrradlenker, fur ein Stativ oder sogar Kamerahelme gibt es als Sonderzubehor.

Die 360fly kostet 499 Euro. Das ist nicht eben wenig, aber das gesamte Konzept ist durchdacht, die Hardware solide und die Software ohne erkennbare Macken. Demnächst will der amerikanische Hersteller sogar fur noch mehr Spaß sorgen: An einer Kameraversion, die 4k-Auflosung beherrscht, arbeiten die Amerikaner schon. Besonders beliebt ist die Kamera bei Mountainbikern und den BMX-Fahrrad-Artisten.