
Craig Venter hat einen Homunkulus ausgebrütet. Mit 473 Genen ist „Synthia 3.0“ der einfachste selbstreplizierende Organismus, der je geschaffen wurde.
Die wenigsten Alchimisten unserer Tage werkeln auf offener Buhne. Sie sind meist heimliche Ingenieure des Lebens, Männer und Frauen, die ebenso Chemiker wie Biologen sind wie sie ihre Hand am ganz großen Rad der digitalen Revolution haben. Wenn sie von Leben sprechen, dann haben sie einen Baukasten und einen Rechner vor Augen, die es ihnen moglich machen, buchstäblich aus dem Nichts etwas so Komplexes zu konstruieren, dass ihre synthetischen Kreaturen irgendwann in der Petrischale und schließlich im Bioreaktor ein reales, wenn auch vorprogrammiertes Eigenleben zu fuhren. Aus der Abfolge von Buchstaben sinnvolle Information und aus dieser Information Gene und aus diesen Genen zu machen, die mit festgelegten Eigenschaften ausgestattet sind und in willfährige Mikroorganismen eingebaut werden konnen, das ist kein Hexenwerk mehr. Das ist längst ein eigener Industriezweig.
Wissenschaftlich spannend wird es in der „synthetischen Biologie“, wenn aus diesem organischen Nichts ganze Genome, und damit der Quellcode einer lebensfähigen, sich selbst vermehrenden Kreatur wird. Was es dazu genau braucht, genauer: welche Geninformation in einem solchen kunstlichen Erbgut mindestens enthalten sein sollte, diese Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten. Sie ist fur die Biotechnologie auch wenig relevant. Wie viele der gut zwanzigtausend Gene des Menschen etwa wirklich essentiell sind, um uns hervorzubringen und zur Fortpflanzung zu bringen, kann kein Mensch beantworten – auch wenn das erste Humangenom schon vor fast einer Generation zum großten Teil entziffert und mit viel Pomp offentlich so präsentiert worden war, dass man glauben mochte, von nun an luckenlos und fehlerfrei im Buch des Lebens lesen zu konnen. Was also tut man, wenn man sich an der Komplexität die Zähne ausbeisst? Man versucht sein Gluck bei den kleinsten, unkompliziertesten Kreaturen. Deswegen, aber auch wegen der potentiellen kommerziellen Nutzanwendung in der Biotechnik, ist die synthetische Biologie fast ausschließlich mit Mikroorganismen befasst.
Leben de novo zu erzeugen, nicht durch Vermehrung und aus sich selbst, sondern eben nach Art des Baukastens mit den entsprechenden Rohmaterialien, dieses Ziel ruckt bei Bakterien seit einigen Jahren immer näher. Einer, der es auf diesem Gebiet wirklich wissen will und sich dafur gerne auch ins grelle Licht der offentlichkeit stellt, ist ein alter Bekannter der Humangenom-Entzifferung: J. Craig Venter, 69, gehort seit Jahrzehnten zu jener Sorte Forscher, die man hierzulande längst am langen Arm der akademischen Clans hätte verhungern lassen und die ihren Kaffee in der Konferenzpause an den abgelegensten Tischen trinken mussen. Venter ist der Maverick, der Leitbulle ohne Brandzeichen, geboren in Salt Lake City im amerikanischen Bundesstaat Utah, ein wissenschaftlicher Draufgänger, Unternehmer und Provokateur, der auch nach der Entzifferung des menschlichen Erbguts vor mehr als funfzehn Jahren, die er an der Seite des damaligen Präsidenten Bill Clinton und des wissenschaftlichen Establishments im Weißen Haus feierte, keinen Jota von seinen Zielen zuruckweicht. Kunstliches Leben schaffen? Fur Craig Venter keine ferne dustere Vision, sondern ganz selbstverständlich die Rolle, die dem Kulturwesen Mensch in seinem ewigen Kampf gegen Hunger und Krankheit und seinem Fortschrittsstreben zukommt. Es ist die Rolle, die er seit mehr als zwanzig Jahren liebt. Venter, der Weltumsegler und Hasardeur, ist immer da, wo die Biorevolutionen stattfinden – und wo es biopolitisch zu brennen beginnt.
