Medizin & Ernährung

Ruhig mal drinlassen

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Steigendes Risiko: Krebs gilt mittlerweile als gefährliches Massenphänomen.

Jedes Jahr lassen sich rund 20.000 Deutsche die Schilddrüse entfernen. Weil Verdacht auf Krebs besteht. Endokrinologen hegen ernste Zweifel, ob eine Operation in jedem Fall notwendig ist.

Zunächst war es nicht mehr als ein unscheinbarer, dunkler Fleck auf dem Ultraschallbild. Kein Grund, sich Sorgen zu machen, hatte Michael A. angesichts des Zufallsbefundes beim Hausarzt gedacht. Dass ein kleiner Knoten in der Schilddruse derart dramatische Folgen nach sich ziehen kann, das ahnte der damals 39-jährige Nordrhein-Westfale nicht. Er ging daraufhin zur Kernspinuntersuchung, unterzog sich auch einer sogenannten Szintigraphie. Zwar konnte der zuständige Strahlenmediziner keine Beweise fur einen bosartigen Tumor entdecken. Doch der Verdacht ließ sich ebensowenig entkräften. „Am besten, wir nehmen die Schilddruse einfach mal raus“, riet sein Chirurg schließlich, „und nehmen sie genauer unter die Lupe.“

Tatsächlich fand sich nach der Operation ein Krebsgeschwur in der Schilddruse, knapp vierzehn Millimeter groß. Ein papilläres Karzinom, so wurde es dem Familienvater dann erklärt, aber niemand hatte ihn vorgewarnt: Mit Tumor und Druse verschwanden gleichzeitig Lebenskraft und Wohlbefinden. Denn die von der Schilddruse produzierten Hormone kontrollieren im Korper Stoffwechsel, Energieumsatz und Wärmeproduktion.

Die kunstlichen Hormone, die er nun ein Leben lang einnehmen muss, ersetzten die korpereigenen eher schlecht als recht. Der zuvor gesunde Mann fuhlte sich nun mude und schlapp, die Muskeln brannten bei der kleinsten Anstrengung, der Darm spielte verruckt. „Dafur, dass mir versprochen wurde, man konne heute auch ohne Schilddruse problemlos leben, fand ich das ganz schon langwierig“, klagt er. Fast drei Jahre lang litt er stark unter den Folgen. Und weil die Nachbehandlung mit radioaktivem Jod zudem seine Zeugungsfähigkeit einschränkte, konnten er und seine Frau sich einen weiteren Kinderwunsch nur mit medizinischer Hilfe erfullen.

Keine andere Tumorform hat sich so schnell vermehrt

ähnliche Erfahrungen machen in Sudkorea zahlreiche Patienten. Schilddrusenkrebs gilt dort inzwischen als Massenphänomen. Jährlich wird dort bei mehr als 40.000 Menschen ein Karzinom in der Schilddruse entdeckt. Damit hat sich die Zahl der Fälle seit Anfang der 1990er Jahre verfunfzehnfacht. Bei fast allen Patienten wird zumindest die halbe Schilddruse entfernt. In den Vereinigten Staaten ist die Statistik nicht weniger besorgniserregend, dort ist die Zahl der Fälle innerhalb von dreißig Jahren um das Dreifache gestiegen.

Keine andere Tumorform habe sich ähnlich schnell vermehrt, sagt Louise Davies vom Dartmouth Institute for Health Policy and Clinical Practice. Die Hals-Nasen-Ohren-ärztin aus Hanover im amerikanischen Bundesstaat New Hampshire wollte wissen, warum, und sie fand anhand eines seit 1973 gefuhrten Registers des National Cancer Institutes mit Daten zu Epidemiologie, Wohnbezirk und Behandlung heraus, dass nicht alle Menschen im gleichen Maße von der Krankheit betroffen sind. Besonders häufig entdeckt wird der Tumor bei besser ausgebildeten, besser verdienenden und medizinisch besser versorgten Amerikanern.