
Ein neuer Sensor zieht in die Kameras des Micro-Four-Thirds-Standards ein. Die Lumix GX8 von Panasonic ist die Erste, die den 20-Megapixel-Sensor hat.
Seit es den Micro-Four-Thirds-Standard (MFT) gibt, der nicht viel mehr als die Maße des Sensors und des Bajonetts, das Kommunikationsprotokoll und das Auflagemaß definiert, war es fast immer so, dass Panasonic zumindest zeitlich vorlegte. Auf der Photokina 2008 etwa war die Lumix G-1 schon zum Anfassen da, während Olympus als Mitentwickler und schon funf Jahre länger die Sensorgroße im Four-Thirds-System unterstutzender Kamerahersteller noch in der Vitrine ein Mockup dessen zeigte, was im folgenden Jahr als Olympus Pen E-P1 und E-P2 ein voller Erfolg wurde. Jetzt, da ein Vier-Drittel-Zoll-Sensor mit exakt der halben Bilddiagonale eines Kleinbildnegativs (21,63 Millimeter), daher dem Crop-Faktor 2, und 20 Megapixel statt der bisherigen 16 verfugbar ist, bedient Panasonic mit der Lumix GX8 längst den Markt. Eben erst aber präsentierte Olympus in der vergangenen Woche seine neue Pen-F (siehe unten auf dieser Seite).
Solange nebeneinander Kameras des MFT-Standards von Panasonic und Olympus existieren, unterscheiden sie sich wie Feuer und Wasser. Das Kuriose ist: Ich kann ein Objektiv mit der Gravur Leica, das aus Panasonics Lumix-G-Portfolio stammt, an meine Olympus OM-D anschließen. Und umgekehrt kann ich ein M. Zuiko-Pro von Olympus einem Gehäuse der G-Lumix-Serie vorsetzen. (Und keineswegs geht das Ergebnis stets zugunsten des großen deutschen Namens aus.) Dass sich die Kameras trotz dieser auf der technischen Verwandtschaft beruhenden Austauschbarkeit grundverschieden anfuhlen, hängt nicht nur damit zusammen, dass Olympus als der Hersteller mit der viel längeren Tradition im Kamerabau voll auf Retrodesign setzt.
Die Lumix GX8 kann eigentlich nur sich selbst ähnlich sehen, erinnert mit der gestuften Oberkante des gegen Spritzwasser und Staub gedichteten Metallgehäuses aber auch ein wenig an die DMC-L1 von 2006, mit der es bei Panasonic (und bei Leica) mit dem Four-Thirds-Sensor losging. Nun also liefert der neue LiveMOS-Sensor mit den Maßen 17,3 – 13 Millimeter 20 Megapixel große Bilder (5184 – 3888 im Format 4:3, weitere Bildformate 16:9, 3:2 und 1:1, Dateiformate Jpeg, Raw und MPO fur 3D-Stereobilder). Aber der neue Sensor stand und steht gar nicht einmal so sehr im Zentrum des Interesses und des werbenden Lobs. Das verwies eher auf die duale Bildstabilisierung: Die GX8 kann eine optische Bildstabilisierung im Objektiv mit dem Sensorshift im Gehäuse kombinieren. Panasonic sagt, bei Weitwinkelaufnahmen vergroßere die Zusammenarbeit der beiden Bildstabilisierungen den „Verwackelungsspielraum“ um mehr als den Faktor 3. Merken kann man von den Zweien nur, dass bei schlechtem Licht der Ausschuss verwackelter Bilder weniger wird.
Auch die fur Serien von Standbildern genutzte 4K-Video-Technik erschien bemerkenswert, beispielsweise Pre Burst: ein Modus, bei dem eine Sekunde vor und eine Sekunde nach dem Auslosen insgesamt sechzig Bilder entstehen, aus denen man anschließend in aller Ruhe den genau richtigen Schuss, 3840 – 2160 Bildpunkte groß, heraussucht. Seit der Firmware-Aktualisierung auf Version 2.0 im November lässt sich auch die Post Focus genannte Technik nutzen. Sie kombiniert eine Bilderserie in 4K-Auflosung mit der sehr schnell die Schärfenebene wechselnden „Depth from Defocus“-Technik des Kontrastautofokus. Während 30 Bilder in der Sekunde aufgenommen werden, durchfährt das Objektiv von der Nähe bis zur Ferne unterschiedliche Einstellungen mit Messpunkten in bis zu 49 Bereichen. Im Nachhinein wählt man auf dem Touchscreen die Stelle, die scharf sein soll, und gespeichert wird das Bild, bei dem die Schärfe genau dort liegt, wo man hingedeutet hat.
Da wir gerade beim Norgeln sind
Apropos: Hochst praktisch erschien die Tatsache, dass man auf dem umgeklappten (und außerdem ausklappbaren und drehbaren) 3-Zoll-Monitor mit dem Finger den Schärfepunkt verschieben kann, während man mit der Kamera am Auge die Aufnahme im vorzuglichen, hochklappbaren Sucher (2,36 Megapixel) kontrolliert.
Norgler im Netz monierten diesbezuglich, das konne unabsichtlich mit der Nase geschehen. Stimmt – in ganz bestimmten Fällen. Aber viel schwerer wiegt eine andere gleichfalls zutreffende Klage: „Nachdem ich im Internet darauf gestoßen war, dass es eine neue Firmware gibt, war die großte Schwierigkeit, mich durch den Wust der Panasonic-Websites zu wuhlen, bis ich endlich den wirklichen Downloadlink gefunden hatte.“ Bitterlich wahr, ein deutsch-englisches Durcheinander von Produkt- und FAQ-Seiten, das einen in den Wahnsinn treiben kann. Und da wir gerade beim Norgeln sind: Das Einstellrädchen fur den Dioptrienausgleich ist die wahre Pest, weil es so gut gegen unabsichtliche Verstellung gesichert ist, dass man kaum drankommt. Gut, aber das braucht man ja auch nur einmal.
Ansonsten konnte jedoch das Lob dieser Kamera, die im Kit mit dem Lumix G Vario 1:3,5-5,6/14-140 mm ASPH. Power O.I.S. betriebsbereit knapp 800 Gramm wiegt und laut Liste rund 1600 Euro kostet, noch stundenlang weitergehen: Geschwindigkeit, Bildqualität, in fast jeder Hinsicht zu individualisierender Funktionsreichtum, Konnektivität, Fernsteuerung aus Lightroom heraus, alles prima. Das fand auch die Stiftung Warentest, die zum ersten Mal seit 2004 einer Digitalkamera wieder ein „Sehr gut“ (allerdings mit einem anderen Objektiv) gab.
