Der Marktanteil von Windows-Smartphones ist im Vergleich zu iPhones und Android-Geräten verschwindend gering. Nur warum eigentlich? Auf dem MWC in Barcelona überzeugen die Geräte als Computer-Alternative.
Es geht der Witz auf dem Mobile World Congress um, dass Sony das gleiche Schicksal treffen konnte wie Microsoft. Denn das Zeitfenster fur die Pressekonferenz, die Microsoft jahrelang am fruhen Morgen besetzt hat, wurde von Sony ubernommen, weil das Unternehmen aus Redmond dieses Jahr keine PK gehalten hat. Das heißt nicht, dass Microsoft aufgegeben hat. Am Stand versucht man zu zeigen, dass ein Smartphone mit Windows 10 eine gute Wahl sein konnte. Es sind längst nicht mehr nur Geräte der hauseigenen Lumia-Reihe, sondern auch einige andere Hersteller, die sich fur das Betriebssystem von Microsoft entschieden haben und weiterhin neue Modell herausbringen.
Falls jemand daruber nachdenkt, ein solches Gerät zu kaufen, sollte er auf eines achten: Ob es fur „Continuum“ bereit ist. In der Bilderstrecke sind einige Geräte aufgefuhrt, die diese Funktionalität nicht haben. Darunter ist auch das neue Lumia 650. Dieses und alle folgenden sind zu „schwach“ dafur. Continuum (gleich mehr dazu) erfordert einen schnellen Prozessor wie etwa einen Snapdragon 808, 810 oder 820, 2 Gigabyte Arbeitsspeicher und einen USB-C-Anschluss. Aus der Lumia-Reihe erfullen zwei Geräte diese Voraussetzungen: das Lumia 950 und 950 XL.
Die Geräte haben ihren Preis
Wer sich bereits einen aktuellen Marktuberblick verschafft hat, wird damit wissen, dass die Geräte aus der Oberklasse kommen mussen und einen entsprechenden Preis haben. Das Lumia 950 hat einen Straßenpreis von mehr als 500 Euro. Auf dem MWC sind an neuen Geräten das Acer Jade Primo, HP X3 Elite und Vaio Phone Biz an den Ständen zu finden. Ein kurzes Hands-on zeigte jeweils, dass es gut verarbeitete Smartphones sind, die dem Niveau der Oberklasse auf den ersten Blick entsprechen.
Eine attraktive Funktion von Windows 10 ist Continuum. Damit lässt sich das Smartphone auch als PC benutzen, indem man es einfach mit einem Monitor verbindet. Das geht auf drei Arten: Sollte der Monitor einen USB-C-Eingang haben, reicht ein Kabel vom Smartphone zum Monitor. Windows 10 erkennt, dass es an einen Bildschirm angeschlossen ist, und stellt von nun an das Betriebssystem auf dem Monitor dar. Aus dem Smartphone-Display wird ein Touchpad, das auch die ublichen Fingergesten erkennt. Bequemer lässt sich mit Maus und Tastatur arbeiten. Die muss erst einmal angeschlossen werden.
Beim VAIO Phone Biz sticht vor allem das 5,5 Zoll FullHD-Display ins Auge. Eingerahmt wird der Touchscreen von einem Aluminium-Gehäuse.Bilderstrecke
Fur deren Anbindung hat Microsoft das Display-Dock HD 500 im Angebot. Dann verbindet man das Smartphone per Kabel mit dieser kleinen Kiste, um per USB-Schnittstelle Peripheriegeräte anzuschließen. Die Kiste wird wiederum mit dem Monitor per HDMI- oder Display-Port-Kabel verbunden. Einen solchen Eingang haben die meisten Monitore, USB-C die wenigsten, sodass man wahrscheinlich zum Dock greifen muss. Die Kiste lädt ubrigens auch das angeschlossene Smartphone auf.
Im Hotel wird das TV-Gerät zum Bildschirm
Die dritte Verbindungsmoglichkeit ist via Miracast und somit kabellos. Sie hat zwei Nachteile: Bildschirm oder Fernseher mussen erst einmal diesen Funkstandard unterstutzen. Mit einem Adapter lassen sich die meisten Geräte zwar erweitern. Doch durfte es bei dieser kabellosen ubertragungsart der Inhalte vom Smartphone auf den Bildschirm immer ein bisschen Latenzzeit geben. Dennoch sind Einsatzmoglichkeiten denkbar wie bei einer Reise, wo das TV-Gerät im Hotel mal zum Continuum-Bildschirm wird.
Um diesen Effekt vollständig nutzen zu konnen, muss die Anwendung eine Universal-App sein. Das sind alle hauseigenen Apps von Microsoft auf Windows 10. Drittanbieter finden mittlerweile Gefallen an dem Konzept. So gibt es etwa auch eine Facebook-App, die sich vollständig und korrekt auf dem Monitor aufziehen lässt. Es sind keine zwei Apps auf dem Smartphone gespeichert, die sich je nach Verbindungsart offnen. Die App auf dem Smartphone ist jeweils die gleiche. Sie erkennt nur, wenn sie die Große anpassen muss. Wer Windows 10 von seinem PC kennt, wird kaum einen Unterschied erkennen. Es sei denn, er arbeitet mit einem 4K-Monitor, denn Continuum lost nur bis Full-HD (1080p) auf.
Microsofts Idee ist verlockend: Als Nutzer kaufe ich mir ein Windows-10-Smartphone und ein Display-Dock HD 500. Ist ein Monitor vorhanden, konnte das Gerät mit Dockingstation ein PC-Nachfolger werden. Einstellungen, Ansichten, Personalisierungen auf dem Smartphone gelten dann auch fur meinen PC. Funktionen wie minimierte Fensterubersicht, Multitasking-Ansicht und Belegung der Funktionstasten auf der Tastatur sind die gleichen wie am Computer. Die gewohnte Tastenkombination Windows-Taste und E offnen auch hier den Explorer.
Mit einigen wenigen Haken
Die Umsetzung der Idee hat wenige Haken. uber diese sollte man sich aber bewusst sein. Da die Daten wie Fotos, Videos, Dokumente (logischerweise) nicht auf dem Monitor gespeichert werden, sondern auf dem Smartphone, muss der Nutzer fruh daruber nachdenken, ob er die Daten dort speichern kann und will. Microsoft selbst wäre wohl als Ausweichort die Cloud am liebsten, denn in dieses Geschäftsfeld will das Unternehmen weiter investieren. Das muss nicht sein. An die Dockingstation kann man per USB eine Festplatte anschließen.
Ein Problem lässt sich gar nicht umgehen. Wer Programme nutzt, die die ganze Leistung des Prozessors und der Grafikkarte am PC beanspruchen, wie Videoschnitt oder 3D-Anwendungen, wird diese auf seinem Smartphone nicht ausfuhren konnen, und sie werden wohl als Universal-App so schnell nicht angeboten. Ansonsten ist Windows 10 auf dem Smartphone noch immer eine attraktive Alternative zu Apple und Android, auch wenn immer noch viele Kritiker einwenden mogen, dass doch der App-Store zu gering bestuckt sei.
