Medizin

Viren in der Schwangerschaft: Bloß nicht den Schnuller ablecken

• Bookmarks: 18


Welche Ansteckungsgefahren birgt das Zika-Virus für Schwangere in Europa? Wie wirksam sind Impfungen? Ein Gespräch mit der Virologin Susanne Modrow.

Frau Modrow, neue Berichte in Fachzeitschriften erhärten den Verdacht, dass Zika-Viren das Gehirn und die Augen Ungeborener nachhaltig schädigen konnen. Weshalb setzt der Erreger dem Nervensystem des heranwachsenden Lebens so zu?

Das beobachten wir nicht nur beim Zika-Virus. Auch der Erreger der Roteln und das Zytomegalievirus konnen bei Kindern im Mutterleib eine Mikrozephalie, einen ungewohnlich kleinen Kopf, und Storungen des Seh- und Horvermogens hervorrufen. Diese Defekte treten deshalb oft gemeinsam auf, weil sich die Augen und das Gehor zusammen mit dem Gehirn entwickeln. Besonders empfindlich reagiert das Ungeborene dabei auf schädigende Einflusse in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten. Denn im ersten Trimenon befindet sich die Organentwicklung in vollem Gange. Werden die Zellen während dieser kritischen Phase infiziert – und einige Viren zeigen eine besondere Vorliebe fur Nervenzellen -, hat dies verheerende Konsequenzen.

Der Erreger des Denguefiebers gehort, wie das Zika-Virus, zur Familie der Flaviviren und wird ebenfalls von Gelbfiebermucken ubertragen. Stellt diese Erkrankung auch eine Bedrohung fur ungeborene Kinder dar?

Ja, aber aus anderen Grunden. Das Denguevirus kann die Plazenta vermutlich nicht passieren und das Kind daher wahrscheinlich auch nicht direkt infizieren. In der Fachliteratur gibt es zwar anderslautende Berichte. Dabei handelt es sich allerdings eher um Spekulationen. Tatsache ist: Das Denguefieber verläuft meistens sehr viel schwerer als Infektionen mit dem Zikavirus. Unter anderem kann es zu hohem Fieber und schweren, todlich verlaufenden Blutungen kommen. Laut der Weltgesundheitsbehorde gehen jährlich mehr als 20.000 Todesfälle auf das Konto dieses Erregers. Schwangere Frauen, die am Denguefieber oder am denguehämorrhagischen Fieber erkranken, durften ein hohes Risiko fur eine Fehlgeburt tragen. Infektionen mit dem Denguevirus bedrohen die Gesundheit des Fotus wohl nicht direkt, sondern indirekt, indem sie zu einem schweren Krankheitsverlauf bei der werdenden Mutter fuhren. Das trifft auf alle Infektionskrankheiten zu – zumal solche, die mit hohem Fieber verbunden sind. Sehr hohe Korpertemperaturen sind fur das Ungeborene extrem belastend. In unseren Breitengraden stellt die klassische Grippe die großte Gefahr dar. Gerade bei schwangeren Frauen verläuft die Influenza oft besonders schwer. Wir raten daher allen Frauen mit Kinderwunsch, sich gegen Influenza impfen zu lassen.

Gegen viele andere verbreitete Infektionskrankheiten gibt es noch keine Impfstoffe. Konnen diese der werdenden Mutter und ihrem Kind ebenfalls gefährlich werden?

Ja, letztlich konnen alle fieberhaften Infektionskrankheiten das Ungeborene schädigen. Schwangeren Frauen empfehlen wir, ganz besonders auf Hygiene zu achten. Fällt etwa der Schnuller des Jungsten auf den Boden, sollten sie es vermeiden, den Schnuller abzuschlecken, um ihn zu desinfizieren. Auch Rituale wie „ein Loffelchen fur dich und eines fur Mami“ sind während der Schwangerschaft nicht ratsam. Denn die Gefahr, sich dabei anzustecken, ist extrem groß. In den ersten Lebensjahren machen Kinder unzählige Infektionskrankheiten durch. Viele davon laufen ganz oder fast ohne Symptome ab.

Gibt es eine Bedrohung, die Sie als Virologin besonders furchten?

Eine Influenza, die uns Mitteleuropäer vollig unvorbereitet trifft, also von Virus-Subtypen ausgeht, mit denen unser Immunsystem noch nicht in Beruhrung gekommen ist. Dies war bei der beruchtigten Spanischen Grippe 1918 der Fall. Sorge bereitet uns Virologen daruber hinaus die Tatsache, dass es nach wie vor viele Menschen gibt, die Impfungen ablehnen – und das, obwohl solche Immunisierungen nachweislich viel Leid abwenden.

Die Fragen stellte Nicola von Lutterotti.