
Verändert der „Gesundheitsnotstand“ den Kampf gegen das Zika-Virus? Für die Experten muss es jetzt vor allem um den Vernichtungsfeldzug gegen die Überträgermücken gehen. Dabei werden auch ungewöhnliche Maßnahmen erwogen.
Die meisten Infektionsmediziner sind angesichts der Ausbreitung des Zika-Virus einverstanden mit der Entscheidung der Weltgesundheitsorganisation WHO fur einen „internationalen Gesundheitsnotstand“. Viele Fragen sind zwar weiter offen, etwa der Zusammenhang zwischen den Schädelmissbildungen bei Neugeborenen und den an sich harmlosen Zika-Infektionen, da aber solche Viren-Spätschäden von anderen Erregern bekannt sind, plädieren die meisten Fachleute dafur, rasch Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Als vordringlich gilt dabei die Bekämpfung der uberträgermucken. Brasilien selbst, wo im Oktober erstmals ein Zusammenhang von Neugeborenen mit viel zu kleinen Kopfen – Mikrozephalie – hergestellt wurde und wo bis jetzt schon mehr als 4000 missgebildete Säuglinge registriert worden sind, hat die Bekämpfung der Gelbfiebermucken mit Insektiziden schon seit Wochen landesweit massiv – auch mit hunderttausenden Soldaten – forciert. Der „internationale Gesundheitsnotstand, den die WHO wegen der „explosionsartigen Ausbreitung“ des Erregers gestern ausgerufen hat, zwingt auch die anderen Länder zum Handeln.
Jan Felix Drexler vom Institut fur Virologie am Universitätsklinikum Bonn und dem Deutschen Zentrum fur Infektionsforschung DZIF ist allerdings skeptisch, ob konsequent genug vorgegangen wird: „Richtig ist, dass es ein staatliches Mucken-Kontrollprogramm gibt. Auch richtig ist, dass dem Programm schon ofter die Mittel ausgegangen sind und so die Vektorkontrolle sträflich vernachlässigt wurde. Siehe Dengue: Letztes Jahr gab es mehr als 1,5 Millionen Dengue-Fälle mit Hunderten Toten – und das sind gemeldete Fälle, was bei 200 Millionen Brasilianern eine absurde Durchseuchung bedeutet! Das muss man mal in Relation zu Zika setzen.“ Tatsächlich ist die Gelbfiebermucke oder ägyptische Tigermucke, Aedes aegypti, der gleiche uberträger, der auch Dengue und das Chikungunya-Virus verbreitet.
Gelbfiebermücke, auch Ägyptische Tigermücke genannt.
Was die Gefahr der weiteren Ausbreitung angeht, glaubt die Berliner Infektionsepidemiologin Christina Frank vom Robert-Koch-Institut, nicht an ein schnelles Ende: „Die Mucken mussen nicht weit fliegen, um das Virus räumlich zu verbreiten. Das ubernimmt der Mensch, indem er zum Beispiel unbewusst Mucken uber weite Strecken im LKW mitnimmt, oder indem ein Mensch zum Beispiel als Tourist zwischen seiner eigenen Infektion an Ort A und dem Zeitpunkt, zu dem an Ort B eine andere Mucke das Virus aus seinem Blut wieder aufnimmt, weite Strecken zurucklegt. Wo auch immer dann uberträgermucken vorhanden und die Menschen nicht-immun sind, kann es zu explosiven Ausbruchen kommen.“
Europa mit seinem vorwiegend gemäßigten Klima bietet den uberträgermucken zwar immer noch kaum Fortpflanzungsmoglichkeiten, doch viele Experten warnen, was die mogliche Verbreitung durch die Olympischen Spiele im Sommer betrifft – zumal eine nahe verwandte und an kuhlere Klimate anpassungsfähige Stechmuckenart, Aedes albopictus, als uberträger von Dengue-Viren auch beruchtigt ist. „Da im Rahmen der Olympischen Sommerspiele mit einer starken Zunahme des Reiseverkehrs nach Brasilien und somit auch mit einer zusätzlichen Anzahl an Infizierten vor Ort zu rechnen ist, besteht die Gefahr des Imports des Zika-Virus durch erkrankte Reisende in weitere tropische Gebiete, wo das Virus bisher nicht vorkommt: einer weiteren Globalisierung des Virus konnte somit Vorschub geleistet werden. Es bedarf also, gerade aufgrund der bekannt gewordenen Komplikationen aller Anstrengung, eine zunehmende Weiterverbreitung zu verhindern“, sagt der Hamburger Virologe Dennis Tappe vom Bernhard-Nocht-Institut fur Tropenmedizin, dem Nationalen Referenzzentrum fur tropische Infektionserreger.
Blutproben von Patienten, die am Nationalen Gesundheitsinstitut in Lima auf das Zika-Virus getestet werden.
Auch die Tropenmedizinerin Marylyn M. Addo vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf mahnt zur verstärkten Aufmerksamkeit: „Derzeit ist das Problem zunächst vor allem fur die derzeit stark betroffenen Länder in Sudamerika relevant. Dennoch besteht das Risiko einer Ausbreitung in die Vereinigten Staaten und die Karibik. Das häufige Reiseziel gehort jetzt schon zu den betroffenen Regionen, so dass einige Empfehlungen wie die Empfehlungen fur Schwangere auch uber die Grenzen der betroffenen Länder hinaus weltweit eine Relevanz haben.“
Was die Muckenbekämpfung in den bereits mehr als 30 betroffenen Ländern betrifft, hoffen offenbar viele Regierungen auf neue Maßnahmen: So konnte neben der Freisetzung gentechnisch veränderter steriler Moskitos eine nahe verwandte „Verhutungsmethode“ zum Einsatz kommen. Mehrere Länder Lateinamerikas wandten sich bereits an die Internationale Atomenergiebehorde (IAEA) in Wien, um Hilfe zur Eindämmung des Virus zu bekommen, wie die Organisation am Dienstag bekanntgab. Bei der bereits mit anderen Insekten erprobten Technik werden Millionen männlicher Tiere gezuchtet, kurz bestrahlt und dadurch unfruchtbar. Die Tiere, die dadurch nicht radioaktiv werden, werden dann in Wellen jede Woche freigelassen, um sich mit Weibchen zu paaren. Diese legen dann zwar Eier, es schlupft aber kein Moskito. So kann die Population reduziert werden. Die Methode sei aber nur in Städten bis zu 200.000 Einwohnern anwendbar, da sonst die Verbreitung der bestrahlten Tiere nicht kontrollierbar sei. Die Technik entwickelte die IAEA gemeinsam mit der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO).

