Es gibt heftige Debatten über das Fotografieren im öffentlichen Raum, die sogenannte Panoramafreiheit steht beim Bundesverfassungsgericht auf dem Prüfstand. Der Streit ist zutiefst von Verlogenheit geprägt.
Egal, ob Akt-, Landschafts-, Mode- oder Makrofotografie, kein anderes Genre ist so zum Aufreger geeignet wie das, dem allgemein und in passend weitgreifender Unschärfe die Bezeichnung Straßenfotografie gegeben wird. Es gibt heftige Debatten uber das Fotografieren im offentlichen Raum, ein Berliner Rechtsstreit beschäftigt das Bundesverfassungsgericht, mal wird das Ende einer europäischen Kunstform ausgerufen, und dann steht das, was im deutschen Recht Panoramafreiheit heißt, auf dem Prufstand. Und allenthalben wird im Netz Rechtsberatung manchmal ziemlich drolliger Art erteilt.
Darf ich ein Gebäude, dessen Gestaltung urheberrechtlich geschutzt ist, oder ein Kunstwerk einfach so fotografieren, oder verletze ich mit dieser Reproduktion, ihrer offentlichen Ausstellung oder anderweitigen Verbreitung fremde Rechte? Noch vehementer wird diskutiert, ob und unter welchen Bedingungen es erlaubt sein soll, dass Menschen in der offentlichkeit fotografiert werden. Oder ob bereits die bloße, keineswegs wertende Abbildung eine Verletzung ihrer Privatsphäre sei, erst recht naturlich die Veroffentlichung solcher Bilder.
Berlin, im ICEBilderstrecke
Ist unter Kunstvorbehalt alles erlaubt? Kommt es letzten Endes darauf an, ob der Fotograf ein anerkannter Kunstler ist oder bloß ein Hobbyfotograf, darf der eine Menschen auf der Straße ablichten, der andere aber nicht? Oder kommt es auf den Verwendungszweck an? Die Fotografen-Gemeinde reagiert verunsichert, manchmal sogar panisch, gelegentlich aber auch trotzig. „Mehr Hinterkopfe, mehr Stockfotografie“ betitelten die „Photonews“ den Bericht uber eine Diskussion zum Thema „Das bedrohte Bild / Das Bild als Drohung“.
Gemeint war: Es wird ausgewichen, Menschen werden so fotografiert, dass sie nicht identifizierbar sind, und vermeintliche Straßenszenen sind tatsächlich mit Models arrangiert, die alle Personlichkeitsrechte abgetreten haben. Unverkennbar sind die Debatten zutiefst von Verlogenheit geprägt. Hinter jedem Fotoobjektiv sehen wir die NSA lauern, aber wir selbst posten Intimstes quer durchs Netz und hängen uns einen brutalen Weegee (Arthur Fellig) als Kunst ubers Kanapee. Realität ist auch: In der Fußgängerzone einer Stadt liegt eine junge, offensichtlich alkoholisch vergiftete Frau auf dem Pflaster.
Jungere Passanten zucken grinsend das Handy, aber nur um ungestort Bilder zu machen. Das ältere Publikum geht rasch weiter, eine halbe Stunde lang hilft niemand. Aber Protest regt sich gegen jemand, der mit einem Fotoapparat die traurige Szenerie von Suff und Gleichgultigkeit aus einigem Abstand dokumentiert. Das beste Plädoyer fur die Straßenfotografie ist, die Wirklichkeit auf der Straße weiterhin zu fotografieren.
