Die Kamera mit Gesichtserkennung von Netatmo soll vor Einbruch schützen. Doch was passiert, wenn sie aufs TV-Gerät sieht? Und wie schlägt sich das System im Familienalltag?
Wer als Erster nach Hause kommt, schaltet als Erstes die Alarmanlage aus. Diese Routine geht in Fleisch und Blut uber. Vergisst jemand den Handgriff, bekommt er sofort den ärger der anderen Familienmitglieder zu horen, deren Smartphone lautstark mit Push-Nachrichten einen vermeintlichen Einbrecher meldet. Einen solchen Anachronismus kann man sich kunftig schenken.
Die Alarmanlage der Zukunft hat eine Gesichtserkennung und identifiziert die Bewohner des Hauses. Nur bei unbekannten Personen schlägt sie an. Wie das funktionieren soll, zeigt jetzt die Welcome genannte uberwachungskamera von Netatmo, einem franzosischen Unternehmen, das durch seine Wetterstationen bekanntwurde.
Fur 200 Euro erhält man die Anlage in einem schicken Aluminiumgehäuse. Zum Pressefoto muss man sich das Kabel furs Netzteil dazu denken, und man sollte wissen, dass das Gehäuse im Dauerbetrieb sehr heiß wird. Das sei in Ordnung, schreibt der Hersteller, es fungiere als Kuhlkorper fur den Prozessor im Inneren.
Ist die Tochter schon zuhause?
Eingerichtet wird die Welcome am PC oder besser am Smartphone mit Android oder dem Apple-Betriebssystem iOS. Im Prinzip gibt es nicht viel zu beachten: Der Apparat wird ins heimische W-Lan eingebucht, und man bringt der Software bei, wer zum Haushalt gehort: Die Kamera identifiziert als Erstes Menschen, als Zweites Gesichter, und stellt diese mit einem Miniaturbild frei. Das alles gelingt gut. Fur Haustiere interessiert sich die Software nicht.
Der dritte Schritt, nämlich die Verbindung von Gesicht und Person ist langwieriger und zieht sich uber mehrere Wochen hin. Während dieser Zeit versucht die Software, die Erkennungsrate zu verbessern. Man sieht in der App, wie gut das jeweilige Profil bereits trainiert wurde, und man kann fur jede einzelne Person einige Privatsphäreneinstellungen festlegen: Ob es Benachrichtigungen fur die Ankunft der Person daheim gibt, wenn ja, zu welchen Zeiten, und ob Videos der Person aufgezeichnet werden sollen. Es lässt sich also beispielsweise festlegen, dass der Sohn nie von der Kamera erfasst wird, während jedes Eintreffen der Tochter aufgezeichnet und als Push-Nachricht signalisiert wird.
Identifizierung bleibt das Problem
Netatmo weist darauf hin, dass sämtliche Biometriedaten im Gerät verbleiben, es gibt auch keine Cloud-Anbindung, und Videos werden nur auf der Micro-SD-Karte im Apparat aufgezeichnet. Das hort sich gut an, bedeutet aber auch, dass im Falle eines Einbruchs sämtliches Beweismaterial vom Einbrecher mitgenommen werden kann. Gegebenenfalls bleibt noch ein Foto oder Video aus der Smartphone-App. Eine optionale Cloud-Anbindung wäre die bessere Losung.
Bewegung erkannt: Aber hier guckt keineswegs der Einbrecher in die Linse.
Bei der Gesichtserkennung lässt die Software ebenfalls zu wunschen ubrig. Vieles hängt bereits am Standort der Kamera. In einem Hausflur mit wechselnden Lichtverhältnissen oder Gegenlicht ist der Apparat schnell uberfordert. Und wer ihn im Wohnzimmer mit Blick auf das Fernsehgerät positioniert, kann schone uberraschungen erleben. Nein, Marietta Slomka wohnt hier nicht. Wir bauten also die Kamera im Heimburo mit konstanter Beleuchtung auf, und trotzdem blieb die Identifizierung des dort jeden Tag Arbeitenden ein Problem.
Ein Gewitter aus Push-Meldungen
Selbst nach drei Wochen, als die App bereits lange eine hinreichende Profilstärke signalisierte, kamen Alarmmeldungen „Unbekanntes Gesicht“ gesehen. Mit der Funktion „Das bin ich“ hatte sich der Hausherr zudem uber die App und das iPhone identifiziert. Die Idee: Wenn die ortsbezogenen Dienste des Smartphone das Verlassen oder Betreten des Hauses registrieren, wird der Kamerasoftware zusätzlich geholfen. Der Identifizierungsvorgang mit der App ist wiederum einfach.
Mit App und Push: Ohne Smartphone geht es nicht.
Ein längerer Fingerdruck auf das Portraitfoto bietet die Option, entweder eine bekannte Person auszuwählen oder eine neue anzulegen. Bis zu 16 verschiedene Personen lassen sich mit einer Kamera verwalten. Die App gibt an, welche Personen sich gerade im Haus aufhalten, sie hat eine Zeitleiste mit den letzten Ereignissen und eine Liste der aufgezeichneten Videos. Insgesamt beißt aber die Maus keinen Faden ab: Viel zu oft funktioniert die Biometrie nicht, man erhält einen Fehlalarm nach dem anderen und ärgert sich uber das Gewitter der hereinbrechenden Push-Meldungen.
Kein Willkommen fur Einbrecher
Die Kamera liefert ubrigens mit ihrem Weitwinkelobjektiv sehr uberzeugende Full-HD-Fotos und Videos, nachts schaltet sich automatisch ein Hilfslicht zu. Die Aufnahmen auf der SD-Karte ließen sich nur uber die App betrachten, am Windows-Rechner und am Mac ist die Speicherkarte nicht lesbar. Auch aus der Ferne kann man mit der App in die Wohnung hineinsehen, es gibt allerdings einen beträchtlichen Zeitversatz von fast 10 Sekunden.
Fein justiert: Welches Gesicht von wem darf die Software erkennen?
Die kinderleichte Einrichtung, die gute Bildqualität und der Einsatz ohne Abonnement sind die Pluspunkte der Anlage. Sie lässt sich demnächst ergänzen um Welcome Tags. Das sind Bewegungssensoren fur Turen und Fenster, die auch bei Vibrationen, etwa einem Einbruchversuch, Alarm schlagen.
