Wer das Krebsrisiko durch Fleisch nicht ernst nimmt, übersieht leicht, worum es darüber hinaus geht: um die Eindämmung eines besinnungslosen Konsumrausches.
Der Fall wird schon wieder heruntergekocht. Gesund ist das bestimmt nicht. Obwohl, wer weiß, vielleicht ist es ja erst mal gesunder, uber eine Krebsforschung zu spotteln, die den Planeten mit einem verklausulierten Bannspruch zum Fleisch- und Wurstkonsum uberzieht, als sich erschuttert in die Ecke zu verkriechen und von der Angst vor Darm- oder Magenkrebs zerfressen zu lassen. Bleiben wir also tapfer. Positiv Denken stärkt das Immunsystem, und eine gesunde Abwehr schutzt vor Krebs. Das ist so wahrscheinlich wie das Amen in der Kirche. Wahrscheinlich? Ja, wahrscheinlich, denn was ist schon sicher? Dass gebratenes, gegrilltes, geräuchertes oder sonst wie verarbeitetes Fleisch Krebs erzeugt? Ist es das, was Sie gehort, gelesen oder jedenfalls so interpretiert haben?
Nun erst mal langsam. Wie immer, wenn an den Rändern unseres Wissens Klarheit geschaffen werden soll, mussen wir uns auch in diesem Fall klarmachen, wie verschwommen generell die Informationen – sprich: Wissensinhalte – sind, die uns täglich zum Thema Gesundheit erreichen. Die Debatte um Risiken ist nämlich notwendigerweise von Unschärfen und einer beklemmenden Vorläufigkeit durchsetzt.
Die Internationale Krebsagentur IARC trägt dafur allerdings die geringste Schuld. Die zwei Dutzend Krebsspezialisten aus Lyon haben im Prinzip nur zusammengetragen und sorgfältig ausgewertet, was vor knapp einem Jahr bereits eine wie auch immer motivierte Onkologengruppe als endgultig fur verkundbar gehalten hatte: die gesammelte empirische Evidenz nämlich, die darauf hindeutet, dass ein Zuviel an Fleisch- und Wurstverzehr – und jetzt reden wir nicht uber das „weiße“ Fleisch von Geflugel oder gar Fisch, zu dem keinerlei Evidenzen in diese Richtung vorliegen – tatsächlich krebserregend ist. Niemand soll behaupten, davon nichts gewusst zu haben. In vielen Jahrzehnten sind da nicht nur ein paar trostlose Aufklärungsspruche und pädagogisches Tischgebrabbel zusammengekommen, sondern immerhin auch mehr als achthundert brauchbare klinische Studien. Zusammengenommen gelangen sie, und das ist entscheidend, uber das ubliche Geruchteniveau hinaus, auf dem viele ungelegte wissenschaftliche Eier mit deren schwammigen Hinweisen uber angebliche Gefährlichkeit von Milch, Vitaminzusätzen oder Birnen fur Schwangere, um nur die jungeren zu nennen, fur Jahre uberdauern.
Was wissen wir wirklich?
Um die Unsicherheit beim Thema Fleisch und Wurst zumindest fur den Moment auf ein Minimum zu verringern, sei hier also auf das nun verifizierte Wissen verwiesen: Verarbeitetes oder konserviertes „rotes“ Fleisch (also von Rind, Kalb, Schwein, Lamm, Hammel, Ziege und Pferd) gehort in der WHO-Skala der hochsten von funf moglichen Krebsrisiko-Einstufungen, der Kategorie 1, an. Das heißt: Es ist definitiv krebserregend. In derselben Kategorie finden sich Tabakkonsum, Asbest und Alkohol. Aber hier nun beginnt, „definitiv“ hin oder her, die Unschärfe. Denn man holt sich nicht mit dem ersten Schnitzel den Krebs in den Leib. Die Einstufung bedeutet lediglich: Es existiert eine klare Evidenz, dass diese Lebensmittel Krebs auslosen konnen. Bei rohem rotem Fleisch ist die Evidenz aus den Studien dagegen „nicht ausreichend“, ergo kommt das als „wahrscheinlich krebserregend“ in Kategorie 2, auf eine Stufe mit zum Beispiel Schichtarbeit.
Noch wichtiger allerdings ist ein Hinweis, der nach der Veroffentlichung der WHO-Krebsagentur meist geflissentlich ubergangen wurde: Evidenz sagt nichts uber das tatsächliche Krebsrisiko. Will heißen: Wenn ich weiß, dass verarbeitetes Fleisch sicher Krebs auslosen kann, weiß ich noch lange nicht, wie groß das Risiko – das statistische, geschweige denn das individuelle Risiko – ist, mit meinen besonderen Verzehrgewohnheiten an Fleischesserkrebs zu erkranken. Risiken sind immer unscharf, oft auch unbestimmbar. Die Krebsforscher versuchen es trotzdem: Pro Funfzig-Gramm-Portion von verdächtigtem behandeltem Fleisch (oder Wurst) erhohe sich das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, statistisch gesehen, um achtzehn Prozent.
Wurst und Fleisch sollen krebserregend sein
Neuausrichtung der Konsumgewohnheiten
Das klingt exakter, als es tatsächlich ist. Unschärfe auch hier. Denn tatsächlich handelt es sich um ein relatives Risiko. Das generelle Darmkrebsrisiko betrifft 56 von tausend Personen, bei exzessiven Fleischessern sind es statistisch zehn mehr: 66 Krebsdiagnosen auf tausend Personen. Absolut gesehen, ist das Krebsrisiko durch Fleisch jedenfalls sehr viel geringer als das etwa von Tabak- oder Alkoholkonsum: Jedes Jahr wird derzeit weltweit mit einer Million Todesopfern durch Rauchen gerechnet, mit 600 000 durch Alkoholgenuss, 200 000 durch Luftverschmutzung, aber hochstens mit 34 000 durch den Verzehr besagter Fleischwaren. Noch mehr Relativierung gefällig? Vier Funftel der Lungenkrebsfälle werden durch Rauchen verursacht, lediglich ein Funftel der Darmtumoren werden auf Fleisch und Wurst zuruckgefuhrt.
