Jeder beurteilt die Attraktivität von Menschen anders. Offenbar spielen Lebenserfahrungen dabei eine größere Rolle als die Gene: Selbst eineiige Zwillinge finden unterschiedliche Gesichter anziehend.
Jeder beurteilt die Anziehungskraft einer Person anders. Deshalb konnen Menschen endlos daruber debattieren, welche Frau oder welcher Mann in ihrer Umgebung am attraktivsten ist. Woher kommen diese unterschiedlichen Präferenzen fur gewisse Gesichter? Welche Zuge als anziehend eingestuft werden, hängt offensichtlich von den ureigensten Erfahrungen des Betrachters ab, nicht von seinem Umfeld und nur wenig von seiner genetischen Veranlagung.
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Schonheit liegt also tatsächlich im Auge des Betrachters, wie es schon der Grieche Thukydides formuliert hat. Das haben Studien mit Hunderten von ein- und zweieiigen Zwillingen ergeben. Selbst eineiige Zwillinge, die gemeinsam aufgewachsen sind, kommen bei der Beurteilung der Attraktivität eines Gesichts zu unterschiedlichen Ergebnissen.
Es spielt also offensichtlich keine Rolle, in welchem Elternhaus man groß geworden ist, welche Schule man besucht hat und wer in der Nachbarschaft gewohnt hat. Den großten Einfluss haben anscheinend die ganz subtilen biografischen Eindrucke, die auch eineiige Zwillinge nicht miteinander teilen. Laura Germine und ihre Kollegen vom Massachusetts General Hospital in Boston und der Harvard University vermuten, dass dies etwa die Gesichtszuge des ersten Freundes oder der ersten Freundin sein konnten oder das Gesicht von Personen, die aus unterschiedlichsten Grunden einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben („Current Biology“, doi:10.1016/j.cub.2015.08.048).
Sichere Messung
Die Wissenschaftler hatten zunächst gezeigt, dass sich die individuellen Präferenzen fur Gesichter tatsächlich sicher und effektiv messen lassen. Dazu waren 35000 Freiwillige gebeten worden, die Anziehungskraft von 200 Gesichtern auf einer Internetseite mit Werten von eins bis sieben einzustufen. Als Anreiz fur eine seriose Teilnahme erhielten sie Auskunft daruber, wie sich ihre Bewertungen in die Fulle der Antworten eingliederten. Fur die Zwillingsstudie wurden dann 547 eineiige und 214 zweieiige Zwillingspaare gleichen Geschlechts uber das australische Zwillingsregister rekrutiert. Da eineiige Zwillinge das gleiche Erbgut besitzen, lassen sich auf diese Weise genetische Einflusse und Einflusse aus dem gemeinsamen Lebensumfeld voneinander unterschieden. Dabei zeigte sich, dass auch eineiige Zwillinge bei der Beurteilung der Attraktivität nicht einer Meinung sind.
Nichtsdestotrotz gibt es neben diesen individuellen Präferenzen fur bestimmte Gesichter auch generelle Kriterien fur Schonheit und Anziehungskraft. Ein symmetrisches Gesicht wird als gefälliger wahrgenommen als ein unsymmetrisches Gesicht. Ebenmäßige Gesichtszuge finden mehr Anklang als markante Zuge. Germine und ihre Kollegen vermuten, dass diese generellen Schonheitsideale dazu fuhren, dass gewisse Personen weithin als attraktiv angesehen werden, etwa George Clooney oder Nicole Kidman. Wie anziehend das Gesicht dann tatsächlich fur einen einzelnen Betrachter ist, hängt von seinen individuell geformten Präferenzen fur gewisse Gesichtszuge ab.
Unterschiedlicher Einfluss der Gene
Die Fähigkeit, sich ein fremdes Gesicht zu merken und schnell wiederzuerkennen, ist hingegen zu einem großen Teil genetisch bedingt. Bei dieser Fähigkeit zeigten eineiige Zwillinge eine hohe ubereinstimmung. Germine und ihre Kollegen haben damit einen deutlichen Unterschied zwischen der Wiedererkennung eines Gesichts und der Beurteilung seiner Attraktivität festgestellt. Im ersten Fall ist der relative Einfluss der Gene groß, im zweiten gering.
Dabei wird immer dasselbe beurteilt und beide Leistungen werden vom sogenannten „sozialen Gehirn“ absolviert, das fur die zwischenmenschlichen Beziehungen zuständig ist. Germine und ihre Kollegen hoffen, dass ihre Ergebnisse helfen werden, mehr uber dessen Aufbau und Entwicklung zu erfahren.
