Die chinesischen Marken erobern den Smartphone-Markt. Von minderwertiger Massenware redet niemand mehr. Müssen nun Samsung und Apple zittern?
Die Chinesen kommen: Lange Zeit fasste man unter diesem Schlachtruf die Einkaufstouren chinesischer Konzerne in der westlichen Welt zusammen. Im Rahmen einer globalen Expansionsstrategie gab es vor zehn Jahren viele spektakuläre ubernahmen, vom Mittelständler bis hin zum Weltkonzern. Das chinesische IT-Unternehmen Lenovo verleibte sich beispielsweise 2005 die PC-Sparte von IBM ein und wurde damit zunächst der drittgroßte Computerhersteller der Welt- heute ist es Marktfuhrer.
Vor einem Jahrzehnt planten „die roten Kapitalisten“ in Peking, dass aus ihren heimischen Unternehmen riesige Weltmarken werden sollten. Nach der Eroberungstour funktioniert der Vormarsch aus Fernost jetzt mit anderen Spielregeln: Die Attraktivität der chinesischen Marken ist so hoch, dass ein europäisches und amerikanisches Publikum direkt angesprochen werden kann. Ein bislang unbekanntes Start-up wie Oneplus, erst im Dezember 2013 in Shenzhen gegrundet, schaffte es im Sommer 2014, nahezu die gesamte europäische Smartphone-Welt in seinen Bann zu ziehen. Sein allererstes Produkt hieß bezeichnenderweise One und erzeugte unter den Fans einen regelrechten Hype. Das China-Handy wurde als „Flaggschiff-Killer“ angekundigt und weckte hochste Erwartungen.
Nicht von ungefähr. Denn das Marketing von Oneplus wusste genau, wie man einen Hype schurt. Direkt kaufen ließ sich das Gerät nämlich nicht. Der Interessent musste sich vielmehr in einem Oneplus-Forum anmelden und um eine Einladung von einem Kunden bitten, der das One bereits erhalten hatte. So wurde aus dem Erstling gleich ein Objekt der Begierde. Das wurde es zudem mit seinem gunstigen Preis: Die kleinste Modellvariante debutierte fur 270 Euro, und selbst die Ausfuhrung mit 64 Gigabyte Speicher lag noch unter 300 Euro. Ungeachtet dieser Kampfpreise lobten alle Fachleute die saubere Verarbeitung mit einer originellen Ruckseitengestaltung aus Sandstein, das ordentliche Display und das frei von lästiger Werbesoftware („Bloatware“) aufgespielte Betriebssystem. Dem supergunstigen Highend-Smartphone fehlten nur eine Handvoll wichtige Funktionen, etwa die Unterstutzung fur alle europäischen LTE-Funkfrequenzen.
Das R9 Darkmoon von Siswoo …Bilderstrecke
Das Beispiel Oneplus zeigt bis in die kleinsten Verästelungen, wie die chinesischen Hersteller arbeiten. Im vergangenen Jahr fielen 40 Prozent der in aller Welt ausgelieferten Smartphones auf chinesische Anbieter, sagen die Zahlen der Marktforscher von Trendforce. Wer davon redet, dass Huawei, Lenovo, ZTE, Oneplus oder Xiaomi mit gunstigen Geräten auf die Spitzenplätze drängen, darf sich während eines Besuchs der Elektronikmärkte in Peking uberraschen lassen. Gilt hierzulande ein Verkaufspreis von unter 300 Euro als gunstig, entdeckt man auf dem Bazar im Reich der Mitte Schnäppchen in geradezu unvorstellbaren Preisregionen.
Fur umgerechnet 100 Euro bekommt man ein Siswoo, Ulefone, Doogee oder Gionee, das wie die teuren Flaggschiffe der Konkurrenz aussieht – und sich auch hinsichtlich der Leistungsfähigkeit nicht verstecken muss. Die kleinen Hersteller nehmen gunstige Standardkomponenten, und sie verzichten auf jene Funktionen und Eigenschaften, die man nicht auf den ersten Blick sieht. Anstelle des hochwertigen und gegen Kratzer geschutzten Gorilla Glas kommt eine schlichte Scheibe zum Einsatz. Das Display selbst verzichtet auf die typische Full-HD-Auflosung, sondern hat nur 1280 – 720 Pixel, was beim Kauf nicht unbedingt ins Auge fällt. Auch Arbeitsspeicher und Akkuleistung sind Teil des Sparpakets, der Kunde merkt es erst nach einigen Tagen.
Wie gelingt die Differenzierung zu anderen Anbietern?
In Schwellenländern sind solche Produkte billige Massenware. Aber selbst ein ordentliches Smartphone mit dem Datenturbo LTE muss nicht mehr als 150 Euro kosten, sagte Sony-Chef Kazuo Hirai auf der diesjährigen Mobilfunkmesse in Barcelona. Ein Ende der Abwärtsspirale der Preise sei nicht zu sehen. Auch die renommierten großen Hersteller mussen immer weniger technischen Aufwand treiben, weil Chiphersteller und Zulieferer wie Qualcomm mit ihren vollintegrierten Systemen alle Komponenten unter einem Dach bundeln: Prozessor, Grafikchip, W-Lan und Bluetooth. Damit steht das Grundgerust. Netzwerkausrustern wie Huawei oder ZTE wurde auf diese Weise schon vor Jahren der Sprung in den Endkundenmarkt leichtgemacht.
