Mensch & Gene

Bedroht Säkularisierung freiwilliges Engagement?

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Ohne das Ehrenamt würden viele Bereiche der Gesellschaft nicht funktionieren. Dabei spielen die kirchlichen Einrichtungen eine große Rolle. Die Säkularisierung ist dem freiwilligen Engagement offenkundig recht förderlich.

Die moderne Gesellschaft hat zum freiwilligen Engagement ein zwiespältiges Verhältnis. Wo es vorkommt, darf es sich allgemeiner Wertschätzung erfreuen. Das ändert aber nichts daran, dass die Kernbereiche von Staat und Gesellschaft dann doch durch Zwang und Pflicht geregelt werden. Dabei gibt es Aufgaben, die ohne den freiwilligen Beitrag vieler nicht geleistet werden konnten – etwa im Breitensport, in der Armenfursorge und selbst beim Brandschutz: Lediglich funf Prozent der Städte in Deutschland leisten sich eine Berufsfeuerwehr, der Rest setzt auf die Mitglieder der freiwilligen Feuerwehren.

Aber was fordert zivilgesellschaftliches Engagement? Gibt es Kräfte, die solche Tugenden wie Selbstlosigkeit, Verzicht auf Entlohnung und Verantwortungsbereitschaft fordern?

Religiosität macht engagiert

Die Forschung stimmt darin uberein, dass individuelle Religiosität einen positiven Einfluss hat. Aktive Gemeindemitglieder religioser Gruppen zeigen eine großere Bereitschaft zum ehrenamtlichen Engagement. Wer regelmäßig zur Kirche geht, am Gemeindeleben teilnimmt und sich dadurch innerhalb einer Gemeinschaft von Gläubigen engagiert, neigt dazu, diese Leistungsbereitschaft auch zum Wohl der Gesellschaft einzubringen. Glauben arbeitet so als ein kulturelles Kapital, dessen Wert sich gewissermaßen auch in einer säkularen Umwelt nicht verfluchtigt. Es lässt sich in Kontexte außerhalb seines religiosen Ursprungs transferieren und steigert dort Motive wie Aufmerksamkeit und Mitgefuhl.

Gestutzt wird das durch den Netzwerk-Effekt des Gemeindelebens: Wer schon religios vernetzt ist, bleibt das auch außerhalb des Religiosen. Die Zivilgesellschaft bekommt von der Religion gewissermaßen Engagement-uberschusse geschenkt: Ressourcen wie Freundschaften, Vertrauen und Teamfähigkeit werden in religiosen Kontexten eingeubt, verinnerlicht und damit zu einem gewissen Grad universalisiert. Religiosität ist unter diesen Umständen dem Einfluss des Golfstroms vergleichbar – stetig erwärmt sie aus ihren spirituellen Quellen das soziale Klima der Zivilgesellschaft. Und wie die transatlantische Wärmestromung wird auch die Religiosität ängstlich beobachtet, ob sie vielleicht zum Stillstand kommen konnte. Bedroht die Säkularisierung damit indirekt die uberlebenschancen des Ehrenamtes?

Warum tun die frommen Polen dann vergleichsweise wenig?

Das ist eine äußerst schwierig zu beantwortende Frage. Untersucht man das Problem etwa nur in den Mitgliedsländern der EU, sind bereits die Unterschiede dieser Gesellschaften gewaltig. Die Soziologen Lionel Prouteau und Boguslawa Sardinha haben es kurzlich dennoch versucht. Sie benutzten dazu Daten aus der European Values Study (EVS) von 2009, die in 27 EU-Staaten durchgefuhrt wurde.

Zunächst konnten die Autoren den erwarteten Effekt auf der individuellen Ebene bestätigen: Wer häufig in die Kirche oder in die Moschee geht, ist auch stark engagiert im Ehrenamt, sei es im sozialen Bereich, im Sport oder in zivilgesellschaftlichen Organisationen. Aber dann kommt ein Einwand: Die Studie fragt schließlich nicht nach den Folgen individueller Religiosität, sondern nach dem Zusammenhang von Säkularisierung und Zivilgesellschaft. Und da ergibt sich uberraschenderweise ein anderes Bild. Wo die Religiosität noch am hochsten ist – nämlich im tief-katholischen Polen und Malta – falle die Bereitschaft zum freiwilligen Engagement am geringsten aus. Vielmehr zeige sich, so die Autoren, dass dieses Engagement in einem Land umso großer ist, je weniger religios es ist. Wie wäre das zu erklären?

Sozial-Religiose Thermodynamik

Es konnte sich dabei gewissermaßen um einen Energieaustausch handeln: Was aus den religiosen Gemeinschaften an sozialer Energie abfließt, stromt in säkulare Einrichtungen, um dort zugunsten zivilgesellschaftlicher Bedurfnisse verbraucht zu werden. Demnach ginge Säkularisierung also auch mit einem Anstieg des freiwilligen Engagements einher.

Die Autoren sind aber ehrlich: Es kommt naturlich auch hier stark auf den Kontext an. So scheint es, dass die okonomische Entwicklung eines Landes einen großen Einfluss hat. Generell fordert Wohlstand auch die Bereitschaft zu freiwilligem Engagement. Andererseits hat der damit verbundene Anstieg der Sozialausgaben des Staates wiederum einen negativen Effekt auf die Freiwilligkeit. Ein omnipräsenter Wohlfahrtsstaat fuhrt demnach zum Verkummern privater Hilfsbereitschaft. Aber auch die allgemeine Zufriedenheit in einem Gemeinwesen muss berucksichtigt werden. Die Studie zeigt, dass eine generelle Unzufriedenheit mit der Leistungsfähigkeit des Staates die Bereitschaft zum freiwilligen Engagement ebenfalls reduziert. Hier will man dann wohl nicht fur das Versagen des Staates in die Bresche springen. Es geht also um die Ergänzung offentlicher Angebote, nicht um die Kompensation ihrer Mängel. Gelingt das, stellt auch das Erkalten der religiosen Gefuhle in der modernen Gesellschaft keinen Grund zur Sorge dar, dass Altruismus und Hilfsbereitschaft ohne eine religios versprochene symbolische Vergutung gänzlich verschwinden konnten.