Mensch & Gene

Mündlichkeit und Schriftlichkeit

• Bookmarks: 3


Renaissance der Mündlichkeit: Nicht nur in Indonesien, dem Gastland der Buchmesse, wird gern erzählt. Und der Nobelpreis würdigt eine Stimmencollage. Entsteht dabei eine andere Literatur?

Herr Konrad war ein muder Mann, er band sein Roß am Wirtshaus an“, so beginnt das Lied „Der Star und das Badewännlein“, und weil der junge Ritter dann doch außer einem warmen Abendessen, einem Fußbad und einem weichen Bett noch andere Wunsche hat, kommt er mit der Wirtin uberein: Die Dienstmagd, die ihm gerade den Wein gebracht hat, soll uber Nacht bei ihm bleiben, gegen Bezahlung an die Wirtin. Nun aber kommen Star und Badewanne ins Spiel, denn der Singvogel verrät, dass die Magd einst als Säugling geraubt worden ist, und die Wanne fur das Fußbad trägt das burgundische Wappen, das die Herkunft des Mädchens enthullt – sie ist die Zwillingsschwester des Ritters. Also geht es nun der bosen Wirtin an den Kragen („Herr Konrad war so gar entrust, sein Schwert er durch ihre Ohrlein spießt“), und die verlorene Tochter wird nach Hause gebracht.

Der romantische Dichter Clemens Brentano (1778 bis 1842) will dieses Lied „in der Spinnstube eines hessischen Dorfes aufgeschrieben“ haben, so lautet jedenfalls die Herkunftsbezeichnung in der Volksliedsammlung „Des Knaben Wunderhorn“, die Brentano gemeinsam mit seinem Freund Achim von Arnim zwischen 1805 und 1808 in drei Bänden veroffentlichte. In der Spinnstube: Das heißt, jedenfalls nach der romantischen Projektion jener Zeit, exakt dort, wo die alten und jungen Frauen des Dorfes sitzen, sich bei der Arbeit am Spinnrad traditionelle Lieder vorsingen und uralte Märchen erzählen. Wenn also ein Literat den selbstverständlich illiteraten Dorfbewohnerinnen lauscht und mitschreibt, was er hort, dann kommt er damit in einen Bereich, der, so die Hoffnung, historisch weiter zuruckliegt als die Einfuhrung der Schrift.

Unter falscher Flagge

Bei näherem Hinsehen entpuppt sich das als fragwurdiges Konzept. Und das nicht nur, weil der um 1800 vieldiskutierte Siegeszug der mechanischen Spinnmaschinen, gefolgt von einer ganzen Reihe anderer massiver sozialer Umwälzungen in Deutschland, die Institution der Spinnstube obsolet machte. Sondern auch, weil Brentano offensichtlich bei der Quellenangabe fur das Lied gemogelt hat. In Wirklichkeit war er hier mehr Autor als Sekretär, er hat, so schreibt Heinz Rolleke, einer der besten Kenner von „Des Knaben Wunderhorn“, das „dergestalt mystifizierte Lied“ nach einer Vorlage aus dem kurz zuvor erschienenen „Musenalmanach“ des Leo von Seckendorf „selbständig gedichtet – wohl kaum in der Spinnstube eines hessischen Dorfs“.

Was sich hier also als mundlich uberliefert ausgibt, ist tatsächlich am Schreibtisch entstanden. Das ist kein Einzelfall, weder was das Schaffen Brentanos noch was die Literatur jener Epoche uberhaupt angeht. Die Sehnsucht des gebildeten Publikums nach authentischen literarischen Werken aus längst vergangenen Zeiten war damals groß, und nicht einmal der aufgeflogene Ossian-Schwindel – der schottische Hauslehrer James Macpherson hatte von 1760 an die Werke eines angeblichen keltischen Barden namens Ossian fingiert und herausgegeben – konnte diese literarischen Mode schwächen. Befordert wurde sie etwa durch Johann Gottfried Herders Sammlung „Volkslieder“ (1778, später unter dem Titel „Stimmen der Volker in Liedern“) und vor allem durch die „Kinder- und Hausmärchen“ der Bruder Grimm. In ihrer Vorrede zur zweiten Auflage der Sammlung beschreiben sie noch einmal die Verbindung zwischen Mundlichkeit als ubermittlungsweg und dem hohen Alter dessen, was erzählt wird. Besonders eine ihrer Beiträgerin heben sie heraus, eine Bäuerin aus dem Dorf Niederzwehren bei Kassel, dem Wohnort der Bruder: „Sie bewahrte die alten Sagen fest im Gedächtnis. Dabei erzählte sie bedächtig, sicher und ungemein lebendig, mit eigenem Wohlgefallen daran, erst ganz frei, dann, wenn man es wollte, noch einmal langsam, so dass man ihr mit einiger ubung nachschreiben konnte.“