Nach der Tat des Germanwings-Piloten im März befürchteten Psychiater, dass psychisch Kranke künftig stärker stigmatisiert werden könnten. Jetzt wurden mehrere hundert Deutsche nach ihren Vorurteilen befragt – mit überraschendem Ergebnis.
Die beiden Attentate auf die Politiker Oskar Lafontaine und Wolfgang Schäuble folgten im Jahr 1990 im Abstand weniger Monate aufeinander und verstorten die Bevolkerung. Monatelang wurde medial daruber berichtet – und besondere Aufmerksamkeit erhielt die Tatsache, dass beide Täter als psychisch krank galten. Das blieb nicht ohne Folgen fur die Gefuhle der Deutschen psychisch Kranken gegenuber. Der Stigmaforscher Matthias Angermeyer von der Universität Leipzig stellte Mitte der neunziger Jahre in mehreren Studien fest, dass die deutsche Bevolkerung psychisch Kranke nach den Attentaten deutlich stärker diskriminierte als vorher.
Unter Psychiatern ist diese Entwicklung weithin bekannt. Nicht wenige befurchteten deshalb nach dem Absturz der Germanwings-Maschine am 24. März dieses Jahres und der anschließenden massiven medialen Berichterstattung uber die psychische Krankheit des Kopiloten, der die Maschine mit Absicht in den Abgrund gesteuert hatte, dass sich die Stimmung gegenuber psychisch Kranken wieder verändern wurde – und dass die jahrelangen Bemuhungen der Fachgesellschaften um Entstigmatisierung so wieder zuruckgeworfen werden konnten. Eine Studie, die im Oktober in der Fachzeitschrift „World Psychiatry“ erscheinen wird, gibt in dieser Hinsicht uberraschend Entwarnung (doi: 10.1002/wps.20257). Ein Team um Georg Schomerus von der Universität Greifswald und den inzwischen emeritierten Matthias Angermeyer verglich Ergebnisse einer Online-Befragung aus dem November 2014 mit den Antworten auf dieselben Fragen im Mai 2015, zwei Monate nach dem Germanwings-Ungluck.
Fiktive Patientin
Befragt wurden zunächst 600, beim zweiten Durchgang 800 Teilnehmer nach ihren Gefuhlen gegenuber der Fallgeschichte einer fiktiven Frau namens Anne. Ein Teil der Probanden im November und im Mai erhielt ein Fallbeispiel, in dem Anne typische Symptome einer Schizophrenie zeigte: Sie fuhlt sich verfolgt und glaubt, dass ihre Gedanken beeinflusst werden. Eine zweite Probandengruppe erhielt einen Text, in dem eine Depression beschrieben wird. Anne ist demnach seit Monaten traurig, spricht weniger, es fällt ihr schwer, sich bei der Arbeit zu konzentrieren. In beiden Fällen wird die Diagnose nicht explizit genannt.
Im Anschluss an die Lekture sollten die Teilnehmer angeben, ob sie Anne fur unberechenbar hielten, ob sie eine Frau wie Anne als Nachbarin oder im Freundeskreis akzeptieren wurden oder mit ihr im Beruf eng zusammenarbeiten wurden. Letztere Fragen verwenden Stigmaforscher, um festzustellen, wie groß der Wunsch nach „sozialer Distanz“ zu Betroffenen ist. „Es ließ sich keine generelle Veränderung erkennen“, bilanziert Studienautor Schomerus. Lediglich bei der Frage nach der Berechenbarkeit zeigte sich eine Verschiebung: Vor dem Flugzeugabsturz hielten siebzehn Prozent Anne fur unberechenbar in ihren Handlungen, danach waren es 24 Prozent. Zwischen den beiden Fallschilderungen, die sich auf Depression beziehungsweise auf Schizophrenie bezogen, gab es keine Unterschiede in der Bewertung.
Veränderte Gesellschaft
Georg Schomerus zufolge trugen unterschiedliche Faktoren dazu bei, dass das Stigma, das auf psychisch Kranken lastet, nur so mild beeinflusst worden ist. Vor allem traf das verstorende Ereignis wohl auf eine veränderte Gesellschaft, die tatsächlich aufgeklärter als 1990 mit dem Thema „Psychische Krankheit“ umgeht. „Im Studienergebnis zeigt sich, dass die Menschen differenzierter geworden sind, dass sie heute eine differenziertere Vorstellung von psychischer Krankheit haben“, sagt Schomerus. Zudem seien die Medien vergleichsweise vorsichtig und verantwortungsvoll mit dem Thema umgegangen. „Beispielsweise wurde das Berufsverbot fur Menschen mit Depression, das der bayerische Innenminister nach dem Absturz vorgeschlagen hatte, medial nicht breitgetreten, sondern, wenn es uberhaupt aufgegriffen wurde, eher kritisiert“, sagt Schomerus.
Seine Ergebnisse bestätigen eine schon im Juli im „Journal of Affective Disorders“ veroffentlichte Studie von Wissenschaftlern um Olaf von dem Knesebeck vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf (doi: 10.1016/j.jad.2015.07.029). Hierfur waren im April 2014 und im April 2015, also vier Wochen nach dem Germanwings-Absturz, etwa 600 Probanden telefonisch nach ihrer Haltung gegenuber Menschen befragt worden, die an einer Depression erkrankt sind. In diesem Fall wurde die Diagnose klar benannt. Auch hier stellten die Autoren fest: Zwar waren Angst und Unsicherheit gewachsen. Aber insbesondere, was den Wunsch nach sozialer Distanz angeht, hatte sich wenig getan. Die Autoren bilanzieren: „Insgesamt war die Verstärkung des Stigmas, das auf einer Depression liegt, kleiner als erwartet.“
