Den Menschen verbessern wollen sie alle. Die Embryonenforscher haben jetzt auch die Instrumente dazu – wer will sie stoppen?
Keine Hysterie. Das geht auch. Keiner ruhrt sich, keiner schreit auf. Es ist nur verdammt leise diesmal, ausgerechnet jetzt, wo die „Kampfzone Mensch“, wie sich der osterreichische Philosoph Konrad Paul Liessmann ausdruckt, Attacken von allen Seiten erlebt: „Menschsein lässt sich nur noch als offenes Projekt beschreiben.“ In der Tat: Die bio-, nano-, und neurotechnischen Optimierungsprogramme laufen heiß, man kann sich davon in diversen digitalen Foren ein Bild machen – oder man hort den Naturwissenschaftlern genau zu.
Denn dann hätte man in den vergangenen Tagen miterleben konnen, wie eine Bastion des biopolitischen Widerstands langsam zu brockeln beginnt und wie das, was vor allem biokonservative Philosophen und Politiker schon lange als nur noch vermeintliches Schutzgebiet unserer Moral betrachten, von den Bioingenieuren in den Labors einkassiert wird.
Britische Wissenschaftler haben einen Antrag bei der „Human Fertilisation and Embryology Authority“ in London gestellt, kunstlich gezeugte Embryonen, die man ihnen aus den Hochleistungslabors der Reproduktionsmedizin uberlassen will, mit dem als „Gen-Editierung“ bezeichneten Verfahren zu bearbeiten. Der Eingriff in die Keimbahn, mitten in Europa? Wurden die Embryonen ubertragen und zur Schwangerschaft fuhren, gäbe es keinen Zweifel: ein Fall von biopolitischem Ungehorsam. Keimbahneingriffe solcherart sind in Großbritannien ebenso wie hierzulande und in den allermeisten Ländern weltweit noch immer explizit untersagt.
Interview mit dem Bioethik-Experten Markus Hengstschläger über Embryonenforschung
Es geht um die Steuerbarkeit menschlichen Lebens
Die Sache ist nur die: Viele Staaten lassen, ihren je eigenen Lebensschutzbestimmungen entsprechend, der reinen Forschung einen gesonderten Spielraum. Und hier, in den Labors, so lässt der Vorstoß der britischen Wissenschaftler um den weltweit anerkannten Stammzellforscher Robin Lovell-Badge unschwer erkennen, ist die eigentliche Kampfzone der neuen Biohacker. Im Forschungsantrag an die Behorde heißt es: Die grundlegenden Entwicklungsbedingungen des Embryos sollen in der Petrischale ausgetestet werden. Sprich: Indem man gezielt und systematisch einzelne Gene mit den neuen, hochpräzisen Werkzeugen der genplastischen Chirurgie („Crispr-Cas9“) verändert, ersetzt, ausschaltet oder sonstwie bearbeitet, hofft man Auskunfte daruber zu erhalten, welche die molekularen Bedingungen fur das Wohl und Wehe des menschlichen Embryos sind.
Selbst so formuliert, in der oft euphemistischen Einwerbungssprache von Wissenschaftlern, bleibt die Richtung des genwissenschaftlichen Vorstoßes unmissverständlich: Es ist die Steuerbarkeit des menschlichen Lebens. Von der Selbstbeobachtung und der im digitalen Alltag inzwischen salonfähigen Selbstkontrolle ist der Weg nach dem Dafurhalten Liessmanns bis zur kreativen Selbstgestaltung des Menschen kein allzu weiter Weg. „Die Moglichkeiten einer Evolution durch genetische Selbststeuerung werden lust- und angstvoll durchgespielt“, sagte der Wiener Wissenschaftler aus Anlass des 19. Philosophicums Lech, das just an den Tagen uber den „neuen Menschen“ diskutierte, als der britische Antrag fur die Genversuche an Embryonen offentlich wurde.
Offene Rebellion gegen ein Tabu
Der seinerseits wurde nur wenige Tage nach der Einlassung der „Hinxton-Gruppe“ eingereicht – eine seit der Stammzelldebatte international aktive, extrem progressive Bioethiker- und Forscherallianz, die ihr Positionspapier zur Genom-Editierung publiziert hat. Ihre Forderung: Eingriffe in die Keimbahn sollten nicht grundsätzlich fur die Zukunft ausgeschlossen und die Embryonenforschung in der Petrischale wenigstens vorerst bis zum vierzehnten Tag der Entwicklung (etwa dem Tag der ubertragung in der kunstlichen Befruchtung) zulässig sein. Schon dieses Papier war eine gezielte biopolitische Provokation. Es war die Antwort derjenigen, die das derzeitige biomedizinische Wettrusten als Chance und Teil einer vollig neuen, individualisierten Medizin betrachten, einer „Präzisionsmedizin“. Man konnte auch sagen: ein biopolitischer Protest.
