Das Gehirn lernt in sensiblen Phasen – oder es verliert, wenn Entwicklungsschritte ausbleiben Im Vortrag erläuterte die Psychologin Brigitte Röder den Traum von einer Pille, die das Gehirn lebenslang plastisch halten soll. Lesen Sie, oder sehen Sie das Video.
Das menschliche Gehirn besteht aus etwa hundert Milliarden Nervenzellen, die uber etwa hundert Billionen Verknupfungen miteinander kommunizieren und das hervorbringen, was wir als Wahrnehmung (Sehen, Horen, Tasten, Riechen und Schmecken), Denken, Sprache, Motorik, Emotion etc. bezeichnen. Hier muss die Frage gestellt werden, wie es allem Anschein nach ganz muhelos gelingt, dass sich ein menschliches Gehirn während der Entwicklung „richtig“ verdrahtet und solche hochkomplexen Leistungen fast wie selbstverständlich im Alltag erledigt.
Während bei der Geburt die meisten Nervenzellen (Neurone) im Gehirn vorliegen (nur in wenigen Bereichen des Gehirns, zum Beispiel denen, die entscheidend fur die Gedächtnisbildung sind, werden nach der Geburt noch neue Nervenzellen gebildet), kommt es nach der Geburt zu einer explosionsartigen Zunahme der Verbindungen (Synapsen). Dabei entsteht unabhängig von der Umwelt oder spezifischen Erfahrungen ein riesiger uberschuss an Verbindungsstellen zwischen Neuronen. Im Laufe der Entwicklung wird dieses uberangebot an Synapsen in Abhängigkeit von deren Nutzungsgrad wieder abgebaut. Fur die Selektion von Verbindungen sind demnach Erfahrungen essentiell. Die sich fur die Verarbeitung als nutzlich erweisenden Kommunikationsstellen werden weiter verstärkt und differenzieren sich funktionell aus. Fur die Gehirnentwicklung sind also Selektion, Wachstum und Differenzierung charakteristische Merkmale. Dabei spielen Erfahrungen, das heißt die Umwelt des heranwachsenden Systems, eine entscheidende Rolle. Diese, so die Annahme, garantieren, dass sich unsere neuronalen Systeme bestmoglich auf die Anforderungen in einer bestimmten Umwelt einstellen.
Entwicklung seit dem Babyalter
Die Frage, wie sich das (menschliche) Gehirn und parallel dazu mentale Funktionen (Wahrnehmung, Kognition, Emotion, Personlichkeit etc.) entwickeln, wird unter anderem mit zwei Untersuchungsansätzen erforscht: Prospektive Studien untersuchen die funktionelle Entwicklung und deren neuronale Korrelate vom Säuglingsalter bis zum Erwachsenenalter. So lässt sich erschließen, welche Veränderung im Gehirn mit welchen funktionellen Fortschritten, etwa dem Erwerb von Wahrnehmungsleistungen, kognitiven oder motorischen Fähigkeiten, einhergeht. Die enormen Fortschritte in nicht-invasiven neurowissenschaftlichen Verfahren, beispielsweise der Messung von Gehirnstromen (Elektroenzephalographie), erlauben es mittlerweile, Hirnfunktionen bei Neugeborenen und Säuglingen zu verfolgen.
