Mensch & Gene

Flüchtlinge: Wie Integration gelingen kann

• Bookmarks: 1


Der aktuelle Flüchtlingsstrom ist nicht der erste, den Deutschland zu verkraften hat. Fragen an einen Migrationsforscher, der sich mit den Spätaussiedlern aus Osteuropa befasst hat.

Herr Panagiotidis, 800.000 Fluchtlinge sollen laut Schätzungen der Bundesregierung bis zum Jahresende zu uns kommen. Manche sehen unser Land damit uberfordert. Es ist allerdings nicht das erste Mal, dass Deutschland vor einer solchen Herausforderung steht. In den 1990er Jahren klopften Millionen Spätaussiedler aus Polen, Rumänien und vor allem aus Russland an unsere Tur. Welche Erfahrungen wurden damals gemacht: Kann man eine solche Einwanderungswelle bewältigen?

35990927Jannis Panagiotidis befasst sich als Juniorprofessor am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien der Universität Osnabrück mit der Migration und Integration von Russlanddeutschen.

Ja, das kann man. Schon damals ist die von manchen befurchtete Apokalypse ausgeblieben. Naturlich gab es Probleme, aber wenn man genauer hinguckt, dann muss man die Integration der Russlanddeutschen und der anderen Spätaussiedler als Erfolgsgeschichte bezeichnen: Die Arbeitslosenquote ist unter ihnen heute kaum hoher als unter den einheimischen Deutschen- ein ehemaliger Spätaussiedler verdient im Schnitt nicht viel weniger, obwohl er seltener einem akademischen Beruf nachgeht als der nicht immigrierte Durchschnitt. Russlanddeutsche haben bessere Schulabschlusse als andere Migrantengruppen, leben häufiger in den eigenen vier Wänden und sind mit ihren eigenen Sprachkenntnissen uberwiegend sehr zufrieden. Vor allem fuhlen sich die allermeisten hierzulande wohl und wollen bleiben.

Wie hoch war damals die Zahl der Spätaussiedler?

Zwischen 1987 und 2005 sind insgesamt drei Millionen Menschen aus Polen, der ehemaligen Sowjetunion und Rumänien eingewandert. Allein zwischen 1987 und 1990 waren es mehr als eine Million.

Wie ist es gelungen, so viele Neuankommlinge zu integrieren?

In erster Linie durch eine aktive und vorausschauende Integrationspolitik. Jedem Neuankommling wurden kostenlose Sprachkurse angeboten, es gab zumindest anfangs billige Kredite fur den Häuserbau, man hat sich um die Anerkennung der beruflichen Qualifikationen der Einwanderer gekummert, hat sie bei der Arbeitssuche und bei Nach- und Umschulungen unterstutzt. Man hat auch Geld fur die Ausbildung der Kinder und Jugendlichen lockergemacht. All das geschah bemerkenswert fruh: Das zweite Forderprogramm 1988 wurde bereits gestartet, als sich die offnung der Grenzen des Ostblocks erst abzeichnete. Was erleben wir heute? In Syrien herrscht seit funf Jahren Burgerkrieg, und trotzdem ist man vollig uberrascht, dass die Menschen jetzt als Fluchtlinge vor unserer Hausture stehen.

Welche Erfolgsfaktoren gab es noch?

Zum Gelingen des Projekts hat sicherlich beigetragen, dass man den Menschen von Anfang an eine Perspektive zu bleiben bot. Durch die automatische Erteilung der Staatsburgerschaft war jedem Neuankommling klar: Du bist hier willkommen. Die Bundesregierung wurde nicht mude zu betonen, dass man die Aussiedler als demographischen Gewinn sah. Weil sie Kinder mitbrachten, die helfen sollten, die Rentensysteme zu retten. Das Tor bleibt offen, signalisierte man den Aussiedlern, während es gegenuber Asylanten hieß: Das Boot ist voll.

Es gab zwischenzeitlich auch schlechte Nachrichten: Ins badische Lahr wurden einst sogar zusätzliche Polizeibeamte geschickt, um die Einwohner vor gewalttätigen Russlanddeutschen zu schutzen. Nur eine Ausnahme, welche die Regel vom gut integrierten Spätaussiedler bestätigt?