Lange hatte China die Börsenkurse mit lockerer Geldpolitik und Propaganda nach oben getrieben. Nun stehen Privatanleger vor dem Ruin. Und fühlen sich von Peking betrogen.
Wie viel hast du verloren? Alles? Ich auch. Und noch mal das Vierfache auf Kredit. Ja, ich kö-nnte mich auch umbringen.“ Die Chatgruppe „Sonnige Aktien“ hat 300 Mitglieder. In Wahrheit lautet ihr Name ein wenig anders, denn man muss eingeladen werden, um beitreten zu kö-nnen. Man kennt sich und will unter sich bleiben – um offen reden zu kö-nnen ü-ber die Verluste, die man an der Bö-rse gemacht hat, seitdem Chinas Aktienmarkt binnen sechs Wochen um fast ein Drittel an Wert verloren hat. Kapital in Hö-he von etwa vier Billionen Dollar wurde vernichtet.
Die Chatgruppe „Sonnige Aktien“ ist einer der Millionen Diskussionsforen des Internetdienstes Wechat, den eine halbe Milliarde Chinesen auf ihren Mobiltelefonen installiert haben und darauf tä-glich fast pausenlos miteinander kommunizieren: beim Aufstehen, auf dem Weg zur Arbeit, bei der Arbeit, in der Mittagspause, beim Abendessen mit der Partnerin, beim Zubettgehen.
Die Mitglieder des Internetforums haben in ihr Wechat-Konto Fotos gestellt, die ihr Leben zeigen, ihren Wohlstand, ihre Trä-ume. Es sind Bilder strahlender Menschen zwischen dreiß-ig und vierzig Jahren, glü-cklich im Urlaub in den bayerischen Bergen, auf Santorini, der griechischen Trauminsel, oder in Monaco. Sie zeigen junge Erfolgsmenschen aus China beim Golfen und beim Bogenschieß-en. Einen Porsche vor der Einfahrt zu einem Einfamilienhaus. Eine Yacht. Und immer wieder: die Mitglieder der Gruppe „Sonnige Aktien“ hoch zu Ross, in Sakko, Stiefeln und Zylinder beim Reitturnier.
Viele der Anleger haben Kinder. In ihr Wechat-Konto stellen sie Fotos ihrer Kinder in teurer Kleidung, beim Malkurs, beim Klavierkurs, beim Englischkurs. Unter dem Benutzernamen steht dann und wann ein Lebensmotto: „Freude, Freiheit, Erfü-llung!“ Hier kommuniziert Chinas Mittelschicht. Es sind Grü-nder, die in den neunziger Jahren, als der chinesische Aufstieg zur zweitgrö-ß-ten Wirtschaft der Erde begann, ihr eigenes, kleines Geschä-ft gegrü-ndet haben. Etwa Fabriken, die Teile fü-r Kü-hlschrä-nke herstellen, Immobilienhä-ndler, die Mitte der Nullerjahre Wohnungen gekauft und diese nach fü-nf Jahren wieder verkauft haben, in einer Spanne, in der die Preise auf dem chinesischen Immobilienmarkt um das Dreifache gewachsen sind.
„Ich fü-hle mich verraten. Es wird gefä-hrlich“
Doch die schö-nen Dinge des Lebens, welche die Wechat-Mitglieder von „Sonnige Aktien“ auf ihren Fotos prä-sentieren, sind in Gefahr. Es ist Mittwoch, vier Uhr nachmittags. Vor einer Stunde hat die Bö-rse geschlossen, die Kurse sind gegenü-ber dem Vortag um drei Prozent gestiegen. Am Montag waren sie noch gefallen, und zwar so heftig, dass in Frankfurt und New York Bö-rsenhä-ndler zu Protokoll gaben, von China gehe derzeit die grö-ß-te Gefahr fü-r die Weltwirtschaft aus. Um 8,5 Prozent fiel der Marktindex Shanghai Composite, das hatte es das jü-ngste Mal vor sieben Jahren gegeben. Im Oktober 2008, als im Westen die Lehman-Bank insolvent ging und die Finanzkrise ausbrach.
Gruppenmitglied Key, Ende 20, hat in Amerika gelebt, nicht in New York, wo die Wall Street ist, sondern in Los Angeles. Seinen Fotos nach zu urteilen geht er gerne in teure Bars am Schanghaier Bund, wo Key der Champagner im Whirlpool serviert wird mit Blick auf das futuristische Hochhausviertel Pudong, Chinas Sinnbild des Aufstiegs. „Nicht versnobt genug“, hat er unter das Bar-Bild geschrieben, „auf zur nä-chsten!“ Keys Profilbild zeigt einen durchtrainierten, muskulö-sen Kö-rper. Er hat Aktien des Zinkherstellers Zhuzhou Smelter aus Hunan gekauft, der Provinz, in der Mao geboren wurde. Jetzt sind sie nur noch halb so viel wert. Am Morgen des Montags schreibt Key: „Ich habe kein gutes Gefü-hl heute. Ich habe verkauft.“
