
Die Telekom kappt die Leitungen im Festnetz. Künftig ist jedes Gespräch ein Internettelefonat. Die Umstellung ist aufwendig und teuer. Wer sich sträubt, dem wird gekündigt.
Der Konzern fü-r Kommunikation schreibt einen Brief. Keine E-Mail, keine DE-Mail, keine SMS und kein Whatsapp. Es muss also wirklich wichtig sein, wenn die Telekom den Postweg beschreitet und bereits im Betreff unmissverstä-ndlich zur Sache kommt: „Ihr Handeln ist erforderlich – sonst mü-ssen wir ihren jetzigen Anschluss leider kü-ndigen.“ Es folgen jedoch honigsü-ß-e Versprechungen aus einer Zukunft, die neue Mö-glichkeiten mit noch schnelleren Daten biete- es gehe um bessere Sprachqualitä-t, um die Modernisierung des Netzes und einen Weg, den bereits fü-nf Millionen Telekom-Kunden beschritten hä-tten: den Umstieg vom Festnetz auf die Internettelefonie. Die vielen Vorteile kö-nne man jedoch nicht mit dem alten Vertrag genieß-en, jetzt sei die Zeit fü-r den Wechsel gekommen.
Bemerkenswerterweise nennt das Schreiben weder Fristen noch Details. Von eventuellen Nachteilen der Umstellung ist auch nicht die Rede. Der erzwungene Wechsel ist vielerorts das Stadt- und Kantinengesprä-ch schlechthin. Und man kann der Prozedur nicht entgehen: Bis 2018 will die Telekom ihre 20 Millionen deutschen Anschlü-sse auf IP-Telefonie umgestellt haben. Wer nicht einverstanden ist, dem wird in der Tat gekü-ndigt. Die Drohung wirkt. Man habe ihn zur Umstellung ü-berredet, schildert ein Leser, und das Ergebnis sei ein Desaster. Er kö-nne seit drei Monaten nicht mehr telefonieren oder stö-rungsfrei angerufen werden.
Nach spä-testens acht Minuten ende jedes Gesprä-ch. Und man werde von der Telekom-Kundenbetreuung geradezu gedemü-tigt: „Am 10. Juni sollte ich mit an den Router angeschlossenem Laptop um 9 Uhr morgens auf den Anruf der Endgerä-teabteilung warten. Dann wollte man mit mir bestimmte Einstellungen ä-ndern. Ich hatte mir deswegen freigenommen. Weder erfolgte dieser Anruf, noch wurden weitere Termine eingehalten. Stattdessen erhielt ich am 12. Juni eine SMS mit der Mitteilung, dass die Stö-rungsmeldung storniert wurde.“
Ein bedauerlicher Einzelfall? Kann man mit der Telekom nicht mehr telefonieren? Nach heftigen Stö-rungen wandte sich bereits im Herbst vergangenen Jahres der Geschä-ftsfü-hrer Kundenservice der Telekom an die Ö-ffentlichkeit und bat, die wiederholten Ausfä-lle der IP-Telefonie zu entschuldigen: „Es kam zu Kommunikationsproblemen zwischen einzelnen Komponenten unseres Voip-Systems, wodurch teilweise die Registrierungen von Routern verlorengingen.“ Voip steht fü-r Voice over IP, die Technik hinter der Internettelefonie, die an sich nichts Neues ist.
Im April ging jedoch gleich die nä-chste Stö-rungswelle ü-ber Telekom-Kunden nieder: Hunderttausende Anschlü-sse blieben stumm. Um so lauter meldeten sich die Bundesnetzagentur und die Verbraucherschü-tzer: Die Umstellung funktioniere oft nicht, der Anschluss falle wochenlang aus, die Informationen ü-ber die Technik seien unzureichend, bilanzierte die Verbraucherzentrale Mecklenburg-Vorpommern: Hä-ufig erhielten die Betroffenen keine Antwort oder Hilfe von der Telekom, auch wü-rden sie nicht ausreichend ü-ber die anstehenden Ä-nderungen und Folgekosten informiert.
Es kommen also viele Probleme zusammen: Die neuen technischen Herausforderungen und die altbekannten der Telekom-Kundenbetreuung. Die Internettelefonie an sich ist jedoch kein Hexenwerk, sondern beruht auf seit Jahrzehnten bewä-hrten Standards. Rufaufbau, Vermittlung und Sprach-Datenü-bertragung erfolgen ü-ber das Internet-Protokoll, dies macht die Netzstruktur einfacher und billiger. Die Umstellung betrifft die Telefonie, nicht den Internetzugang an sich, und dem Kunden bleiben seine Rufnummern erhalten.
Wer kein Internet hat und nur einen herkö-mmlichen analogen Telefonanschluss verwendet, ist nach derzeitigem Stand der Planung nicht betroffen. Denn dann erfolgt die IP-Umstellung in der Vermittlungsstelle. Der Wechsel an den (seltenen) Anschlü-ssen mit Line-Sharing (Telefon und DSL laufen ü-ber eine Leitung, aber die Rechnung kommt von unterschiedlichen Anbietern) kann hingegen zu einem Albtraum werden, wenn die Restvertragslaufzeiten differieren.

