
In Paris kam der Nachlass des Modedesigners Jean Patou unter den Hammer: Eine Ski-Kombination aus den Zwanzigern wurde für eine sechsstellige Summe versteigert. Wer war dieser Mann?
Das Wort Marketing gab es in den zwanziger Jahren noch nicht. Aber der franzö-sische Modeschö-pfer Jean Patou hä-tte es damals schon erfinden kö-nnen. Wä-hrend seiner kometenhaften Karriere von nur etwas mehr als 15 Jahren – den Zwischenkriegsjahren mit den Goldenen Zwanzigern und der Depression nach dem Bö-rsenkrach – hatte er die raffiniertesten Ideen, um die High Society auf beiden Seiten des Ozeans von seinen Couture-Kollektionen und Parfums zu begeistern.
Die amerikanische Presse feierte ihn als „elegantesten Mann Europas“, und er kam 1924 mit amerikanischen Mannequins nach Paris zurü-ck, um deren sport liche und androgyne Silhouette auf dem alten Kontinent einzufü-hren.
Die Schriftstellerin Colette, selbst rundlich, pestete: „Diese Erzengel werden die Mode immer mehr verschlanken!“ Zu ihrem Grauen machte Jean Patou dann mit einer revolutionä-ren Sportswear-Kollektion Furore. Die Stars der Zeit gehö-rten zu seinen Kundinnen und oft auch Geliebten: Josephine Baker und Minstinguett, Louise Brooks und die Dolly Sisters.
Coco schaute von ihm ab
Wenn er Suzanne Lenglen fü-r ein Match in Wimbledon einkleidete, wurde daraus der letzte Schrei mit Haarband, Jersey-Sweater und knielangem Faltenrock. Selbst die grö-ß-te Modedame seiner Zeit, Coco Chanel (die beiden empfanden sich als herbste Konkurrenten), guckte von Patou ab. Er war der erste, der sein Monogramm JP wie ein Logo aufnä-hen ließ-.
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Kurz darauf setzte auch Coco Chanel ihre Initialen als Markenzeichen ein. Neben Chanels N°-5 gehö-rt Patous Parfum Joy noch heute zu den Parfum-Bestsellern. 1930 hatte er Joy wie ein Feuerwerk in dü-steren Zeiten inszeniert: das teuerste Parfum der Welt gleich nach dem Bö-rsenkrach. Es wurde ü-ber Nacht zum antidepressiven Hype der gebeutelten Society.
Jean Patou wurde 1887 in Paris geboren und ging in der Ledergerberei und im Kü-rschnerbetrieb seiner Familie in die Lehre. Mit Materie, aus der Mode wird, hatte er also von Anfang an zu tun. Mit nur 48 Jahren starb er am plö-tzlichen Herztod in einem Pariser Luxushotel.
Kein Mode-Defilee
Geheiratet hatte er nie, und seine unzä-hligen Liebesgeschichten dauerten jeweils nur kurz. Im Nachlass, der heute dem Groß-neffen Jean de Moü-y gehö-rt, sollen sich allerdings noch 150 Briefe einer groß-en Jugendliebe befinden, die von Patou sorgfä-ltig durchnummeriert wurden. Angeblich hatte die junge Dame seinen Heiratsantrag ausgeschlagen. Jean de Moü-y brachte jetzt einen Teil des Patou-Nachlasses (ohne die Liebesbriefe!) auf den Auktionsmarkt.
Sportmode für die Schwester: Diese Ski-Kombination brachte etwas über 100.000 Euro ein.
Ende Mai standen mehr als 120 Lose mit Roben, Mä-nteln und Seidenwä-sche, mit Flakons, Accessoires und Mobiliar zum Verkauf. Eine zweite Auktion, ebenfalls bei Pierre Bergé- &- Associé-s, widmete man den Manuskripten des bibliophilen Ä-stheten und Sammlers.
Bei so spannenden Verkä-ufen ist der Saal voll mit Interessierten. Wer allerdings erwartet hä-tte, dass die Modewelt hereinrauscht, als wä-re es ein Defilee, der wurde enttä-uscht. Sammler bleiben gerne anonym oder bieten am Telefon. Der Patou-Nachlass ist ansonsten besonders fü-r Institutionen und Mode-Museen interessant.
Rekordpreise fü-r Sportmode
Alle Lose kamen unter den Hammer. Die Preise ü-berflogen oft die Schä-tzungen. Ü-berraschungen wä-ren unter den perfekt konservierten Abendkleidern zu erwarten gewesen – zum Beispiel bei dem so raffinierten wie schlichten „Black and White“, auf 2500 bis 3500 Euro geschä-tzt, das immerhin die Tä-nzerin Eleonora Ambrose getragen hatte. Aber das strassbestickte Seidenkleid wurde nach einem Blitzgefecht bei 22.000 Euro abgegeben, mit dem Kä-uferaufgeld 27.280 Euro.
Auch ein nachtblaues Abendkleid (Taxe 2000/3000 Euro) in fließ-end drapierter Linie und mit einem elegant-erotisch geknö-pften Rü-cken wurde bei 17.000 Euro zugeschlagen (mit Aufgeld 21.080 Euro). Die Kä-uferin im Saal konnte ihr edles Stü-ck allerdings nicht nach Hause tragen. „Pré-emption“ rief eine Konservatorin des Pariser Musé-e des Arts Dé-coratifs in die Runde: In Frankreich dü-rfen staatliche Museen ein Vorkaufrecht zum Zuschlagpreis geltend machen.
Die wirkliche Ü-berraschung kam dann mit der Sportswear. In atemraubenden Gefechten schaukelten sich die Preise hoch. Ein Jersey-Sweater (Taxe 300/500 Euro) kam inklusive Aufgeld auf 6200 Euro. Ein dreiteiliges Golf-Ensemble aus Wolltrikot (800/1200 Euro) erreichte mit Aufgeld 105.400 Euro. Und die ultraschicke Ski-Kombination, die einst Patous Schwester Madeleine getragen hatte, hü-pfte in Fü-nftausendersprü-ngen auf ebenfalls genau 105.400 Euro.
Zu den besonders aktiven Kä-ufern gehö-rte die Firma Jean Patou selbst, die weiterhin die Parfums vertreibt. Sie ersteigerte emblematische Lose, darunter Raritä-ten wie die Originalflakons der Parfums Normandie und Joy. Auß-erdem sicherte sich die Firma den von Louis Sü-e und André- Mare entworfenen Schreibtisch des Modeschö-pfers, der mit Aufgeld zum vierfachen Schä-tzpreis fü-r 28.520 Euro zugeschlagen wurde.
Der Enthusiasmus hat Grü-nde: Demnä-chst mö-chte die Marke Patou wieder in die Mode einsteigen, die 1987 aufgegeben wurde – der letzte Designer hieß- ü-brigens Christian Lacroix.
