
Wäre Griechenlands derzeitige Lage ein historisches Gemälde, könnte es in den Museen hängen – unter dem Titel: „Arkadische Landschaft in der Abenddämmerung“. Und schon bald könnte die Dämmerung zur Nacht werden.
Giannis Varoufakis hat den Erfolg nur um wenige Stunden ü-berlebt. Schon am Tag nach dem scheinbar grö-ß-ten Sieg der griechischen Regierung war er nur noch ehemaliger Finanzminister Griechenlands. Doch auch im Rü-ckblick blieb der irrlichternde Leuchtturm der griechischen Linken sich treu und verfasste einen pompö-sen Nachruf auf sich selbst.
Die Lektü-re dieses Textes lohnt sich schon deshalb, weil die darin enthaltene Autosuggestion nicht nur fü-r Varoufakis persö-nlich steht, sondern auch fü-r die Weltsicht der Regierungspartei Syriza und eines beträ-chtlichen Teils der griechischen Gesellschaft. Schon der Einstieg ist eine Wucht: „Das Referendum vom 5. Juli wird (bestehen) bleiben als einzigartiger Moment in der Geschichte, in dem ein kleines Volk sich gegen die Schuldknechtschaft erhoben hat.“
Es handele sich um einen „Kampf fü-r demokratische Rechte“, und wie immer in der Geschichte sei dafü-r ein Preis zu zahlen, fä-hrt Varoufakis in prä-ambelhafter Feierlichkeit fort. Es gelte nun, das „prä-chtige Nein“ umgehend in ein „Ja“ fü-r eine Vereinbarung zu investieren, die „eine Schuldenumstrukturierung, weniger Austeritä-t, Umverteilung zugunsten der Bedü-rftigen und wirkliche Reformen einbezieht.“
Stolz und Abscheu
Als Varoufakis seine Abschiedserklä-rung verö-ffentlichte, stand der Umfang der griechischen Erhebung wider die Schuldknechtschaft bereits amtlich fest: Von den 62,5 Prozent der wahlberechtigten Griechen, die an dem Referendum teilnahmen, hatten 61,3 Prozent mit „Nein“ gestimmt, wobei niemand genau sagen konnte, gegen was sich dieses Nein richtete. Varoufakis jedenfalls will bald nach der Bekanntgabe des Ergebnisses davon in Kenntnis gesetzt worden sein, dass „einige Teilnehmer der Eurogruppe“ sowie bestimmte „Partner“ (in Anfü-hrungsstrichen) es vorzö-gen, wenn Griechenland einen neuen Finanzminister bekä-me.
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Da sein Ministerprä-sident diese „Idee“ fü-r „potentiell hilfreich“ halte, um eine Vereinbarung mit den Geldgebern schließ-en zu kö-nnen, habe er seinen Rü-cktritt beschlossen, werde aber weiterhin an der Seite der Regierung stehen, so Varoufakis. „Ich empfinde es als meine Pflicht, Alexis Tsipras dabei zu helfen, das Kapital, welches das griechische Volk uns durch das gestrige Referendum anvertraut hat, so zu nutzen, wie er es fü-r angebracht hä-lt. Und ich werde die Abscheu der Glä-ubiger mit Stolz tragen.“
Schließ-lich geht es laut Varoufakis um nichts weniger als die Demokratie in der Welt: „Die ü-bermenschliche Anstrengung, dem mutigen griechischen Volk und dem berü-hmten ,Ochi‘, das sie den Demokraten auf der ganzen Welt ü-bereignet haben, gerecht zu werden, hat gerade erst begonnen.“
Griechen sagen „Nein“ zur Sparpolitik
Angesichts der nicht nur in Kreisen europä-ischer Finanzminister grassierenden akuten Varoufakismü-digkeit wird dessen Rü-ckzug, abgesehen von den Demokraten auf der ganzen Welt, wohl nicht allzu groß-es Bedauern hinterlassen. Manchen gilt der Umstand, dass Tsipras sich von seinem bekanntesten Kabinettsmitglied getrennt hat, sogar als Zeichen fü-r eine neue Kompromissbereitschaft Athens.
Das kö-nnte sich freilich als Irrtum erweisen, denn auch nach Varoufakis’ Rü-ckzug wird in der Athener Regierung die fest verankerte Ü-berzeugung bestehen bleiben, dass am Sonntag sechzig Prozent von sechzig Prozent der Wahlberechtigten in einem elf Millionen Einwohner zä-hlenden Staat die ü-brigen etwa 323 Millionen Bü-rger der Eurozone in die Pflicht genommen haben.
Rezept fü-r ein Desaster
Mö-gen der Kommissionsvizeprä-sident Valdis Dombrovskis und andere noch so oft daran erinnern, dass die Eurozone aus 19 Demokratien besteht und eine Lö-sung fü-r alle akzeptabel sein muss – die Botschaft verfä-ngt nicht bei Tsipras und seinen Ministern. Immer wieder berufen sie sich auf ihr demokratisches Mandat, dem sich die Geldgeber zu fü-gen hä-tten – griechisches Recht bricht europä-isches Recht.
Wer noch Zweifel daran hat, dass die Wä-hrungsunion an einer schweren Wahrnehmungsdivergenz ihrer Teilnehmer leidet, kann auch bei den jü-ngsten demoskopischen Erkenntnissen aus Deutschland und Griechenland Aufklä-rung suchen. Hier Schä-uble, der eine harte Linie gegen Griechenland verficht: in Deutschland populä-r wie nie zuvor. Dort Varoufakis, der eine harte Linie gegen Deutschland verfocht: in Griechenland populä-r wie nie zuvor. Wer auf den anderen einhaut, ist beliebt – ein Rezept fü-r ein Desaster.
