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Ein deutsches Start-up will das Wohnen digitalisieren

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Das Haus der Zukunft ist Gegenwart. Zumindest beim Berliner Start-up Yetu. Dort will man das Wohnen digitalisieren und unter ein Technik-Dach bringen. Ob das klappt?

Kleinteilig, inkompatibel, kompliziert, wenig plausibel – das sind ungefähr die Attribute, mit denen die öffentliche Meinung immer noch das Thema Smart Home konnotiert. Dabei ist sich alle Welt einig: Das vernetzte Haus kommt, eigentlich ist es in Form vieler Technik-Inseln längst da. Wir lassen Musik streamen, schauen Netflix, programmieren den Festplattenrekorder von unterwegs und stellen auch schon mal das Heizungsventil aus der Ferne.

Notwendig ist die Heimvernetzung ohnehin, wenn wir nur an das Informationsmanagement denken, das der Umstieg auf regenerative Energien verlangt. Bislang aber brauchen wir dafür noch allerlei Boxen und Adapter, Apps und die Ambitionen von Technik-Nerds.

Was also fehlt? Ein Super-Standard vom Kaliber der Mobilfunk-Normen, die den Boom der Mobiltelefone erst möglich machten? Oder die Marktmacht kalifornischer IT-Matadore wie Apple und Google? Apples Homekit etwa hat das Zeug, die Smart-Home-Idee voranzubringen. Aber es ist und bleibt ein geschlossenes System. Und Google hat sich mit dem Kauf von Nest zunächst auf die Vermarktung eigener Geräte festgelegt. Auf den großen Smart-Home-Wurf, so scheint es, müssen wir also noch warten.

Alles aus einer Box

Den hat sich nun ausgerechnet ein Start-up vorgenommen, das in Berlin statt im Silicon Valley sitzt, auf den Namen Yetu hört und immerhin schon 40 Designer, Ingenieure und Programmierer an seiner Vision stricken lässt. Der Teamchef ist kein Unbekannter: Christopher Schläffer gehörte bis zum Jahr 2010 dem Management der Telekom an und verantwortete dort den Bereich Produkte und Innovationen.

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2008 stellte er mit Larry Page und Sandy Rubin in New York das erste Android-Mobiltelefon vor. Was hat er nun im Sinn? Yetu soll, plakativ gesagt, eine Art Android für das Internet der Dinge werden – jedenfalls so offen und universell. Die Idee: Alles funktioniert mit einem einzigen Kästchen, einem Home-Gateway von der Größe einer Apple-TV-Box, das einheitliche Bedienoberflächen an alle Arten von Endgeräten ausgibt, die einen Bildschirm haben, also an Smartphones, Tablets, oder Notebooks, ganz unabhängig vom Betriebssystem. Fernseher bekommen die virtuelle Bedienzentrale einfach über HDMI-Kabel zugespielt.

Also: Wenn Musik aus der Deezer-Cloud ertönen, Magine Fernsehprogramme zeigen, das Danfoss-Heizventil die Temperatur hochfahren oder das Fitbit-Armband seine Daten auf dem Monitor zeigen soll, dann genügt für all diese Funktionen ein einziges virtuelles Cockpit, das auf dem Smartphone genauso aussieht wie auf dem PC-Monitor.

Kein neues Google

Dass all die beteiligten Gerätschaften miteinander funktionieren, ist einem „Abstraction Layer“ geschuldet, der die Middleware des Systems bereitstellt. Sie setzt in der Cloud alle Befehle so um, dass für Yetu programmierte Apps damit umgehen können – eine offene, für jedermann verfügbare Programmierschnittstelle macht es möglich.

Eine App-Distributionsplattform nach Apple- und Google-Vorbild ist natürlich ebenfalls geplant. Der wirtschaftliche Deal soll so aussehen: 80 Prozent der Einnahmen gehen an den Entwickler, 20 Prozent an Yetu.

Anders als Google versteht sich Yetu nicht als Datensammler und -vermarkter: Wer das System daheim einsetzt, soll Herr über seine Daten bleiben. Dafür sorgt eine chipgestützte Verschlüsselung aller Nutzerdaten im Gateway. Yetu will auch keine Hardware verkaufen. Was die Berliner bisher auf Messen als Gateway zeigten, ist lediglich ein Referenz-Aufbau.

Telekom und RWE sind eingestiegen

Aber wie kommt das System dann ins Haus? Yetu setzt auf Kooperationen. Das System soll über große Netzbetreiber und Energieversorger vertrieben werden, die für jeden angeschlossenen Haushalt einen überschaubaren Obolus, zum Beispiel 2 Euro im Monat, an die Berliner entrichten. Die Idee ist ambitioniert, aber sinnvoll. Denn das Ziel, zum Vernetzungsgeneralisten zu werden, setzt massenhafte Verbreitung voraus.

Dass Netzbetreiber für solche Kooperationen zu gewinnen sind, hat Yetu schon nachgewiesen. Im November wurde ein Kooperationsvertrag mit der Deutschen Telekom geschlossen, in der vergangenen Woche kam ein Abkommen mit dem Stromversorger RWE hinzu, das zunächst ein gemeinsames Pilotprojekt in Großbritannien vorsieht.

Sowohl Telekom als auch RWE betreiben schon eigene Smarthome-Plattformen, finden aber die Idee, zusätzlich ein offenes System zu nutzen, offenbar reizvoll. Wir würden da nicht widersprechen, auch wenn der Weg von der Ideenschmiede zum Marktmacher ziemlich steil ist. Aber selbst das World Wide Web geht schließlich auf eine Handvoll visionärer Streiter zurück.