Muss das klassische Fernsehen den Online-Streamingdiensten weichen? Unsere zwei Autoren sind da geteilter Meinung. Zunächst die Argumente, die gegen den Fortbestand der Ära des Kabelanschluss sprechen.
Endlich befreit von den Fesseln des klassischen Fernsehens, herrscht nun im Wohnzimmer die absolute Freiheit. Das erste Bier in der Hand, zwei Stunden Zeit für einen Film und mindestens drei Fernbedienungen zur Auswahl. Selbstbestimmt und effizient Fernsehen schauen: Nicht das Programm, was die privaten und öffentlich-rechtlichen Sender vorgeben, sondern eine Auswahl dessen, was die Online-Videodienste anbieten. Wann und wie lange man schaut, lässt sich vorher perfekt bestimmen. So greift man besser zur nächsten Folge der Lieblingsserie, wenn man weniger als eineinhalb Stunden Zeit hat. Das Angebot ist riesig. Ob Netflix, Maxdome, Amazon, Watchever, Google Play Movies, iTunes, Sony Unlimited oder andere Anbieter: Jeder von ihnen verleiht mehrere tausend Filme und Serien. Da ist immer etwas dabei.
Die Wahl des Anbieters entscheidet darüber, wie der Fernsehzuschauer der Zukunft auf die Inhalte zugreift. Wer seine Filme und Serien direkt auf seinem TV-Gerät von Amazon, Google oder Apple streamen will, braucht eine Set-Top-Box. Das kann bei allen drei Anbietern zunächst eine kleine schwarze Kiste für einen Preis von 80 bis 100 Euro sein. Die heißen dann Fire TV, Nexus Player oder Apple TV. Amazon und Google bieten ihre Hardware auch in Form eines USB-Sticks an, der günstiger ist. Alle Geräte verbindet man per HDMI-Kabel mit dem Fernseher, sie brauchen zudem eine Steckdose. Die Daten aus dem Internet holen sie sich kabellos über den heimischen Router. Und natürlich verlangen Amazon, Google und Apple vom Nutzer, dass er ein Kundenkonto hat.
Jedem sein Bezahlmodell
Bei Google und Apple bezahlt man wie in einer virtuellen Videothek. Ein Film kostet im Durchschnitt vier bis fünf Euro, die Ausleihe endet nach 48 Stunden, nachdem man ihn gestartet hat. Filme lassen sich bei den meisten Anbietern auch für den drei- bis vierfachen Leihpreis kaufen. Mittlerweile ist hierbei eine Strategie zu erkennen. Wohl unter dem Diktat der Verleiher sollen Kunden dazu verführt werden, mehr Filme zu kaufen. Brandneue Streifen werden auf der Startseite unübersehbar beworben, stehen zunächst aber nur zum Kauf zur Verfügung. Ein paar Wochen später gehen sie dann kurzzeitig in den Leihstatus, um dann wieder als Kauf-Film zu enden. Es gibt sogar aktuelle Filme, die nur zu kaufen sind.
Ein etwas anderes Konzept ist das der gemischten Flatrate. Ein attraktives Angebot kommt von Amazon: Prime-Mitglieder bekommen nicht nur ihre Pakete garantiert am nächsten Tag geliefert, sondern können für die jährliche Gebühr von 49 Euro jederzeit auf Tausende Filme und Serien von Prime Instant Video zugreifen. Dieses Konzept ist vor allen Dingen deshalb attraktiv, weil Amazon vor kurzem den Fire-TV-Stick auf den Markt gebracht hat, der nur 39 Euro kostet. Doch Vorsicht, wie bei anderen gemischten Flatrates auch müssen Fans von aktuellen Blockbustern fast immer pro Ausleihe bezahlen, weil genau diese selten im Preis inbegriffen sind. Für sie dürften Googles, Apples oder Sonys Dienste interessanter sein, weil keine Grundgebühr anfällt und der Nutzer pro Film bezahlt.
Mit ein, zwei Handgriffen zum Online-Angebot
Eine zusätzliche Hardware ist nicht immer notwendig, um Video-on-Demand-Dienste nutzen zu können. Aktuelle Fernseher haben mittlerweile Apps in ihrem Smart-TV-Bereich, mit denen man Netflix, Maxdome, Watchever und andere Angebote streamen kann. Einzige Voraussetzung ist der Internetzugang des Fernsehgerätes. Sollte dieser nicht vorhanden sein, sind wiederum die genannten Set-Top-Boxen eine Möglichkeit, den Fernseher internetfähig zu machen. Und da sie viele der Apps enthalten, die ein smarter Fernseher ebenso bereithält, hat man das Gerät auch in dieser Hinsicht aktualisiert.
Der Weg zum Online-Video-Angebot erfordert in beiden Fällen wenige Handgriffe. Setzt man eine Set-Top-Box ein, egal ob als Kiste oder Stick, muss man am Fernsehgerät auf den belegten HDMI-Eingang umschalten. Mit der entsprechenden Fernbedienung geht es dann weiter. Diese kann alternativ auch ein Smartphone sein. Für Amazons Fire TV, Googles Nexus Player und Apple TV lassen sich entsprechende Apps herunterladen. Ebenso anwenderfreundlich ist mittlerweile der Smart-TV-Bereich aktueller TV-Geräte. Das Öffnen der Anbieter-App ist meist nur noch ein oder zwei Tastenklicks auf der Fernbedienung entfernt.
Filme und Serien zu jeder Zeit und an jedem Ort
Das Streaming-Angebot des klassischen Fernsehens wird dieses auch nicht mehr retten können. HbbTV ist zwar praktisch, weil der Weg zur Mediathek auf der Fernbedienung dank der farbigen Tasten kürzer nicht sein könnte. Doch selbst dann muss man erst zum Sender zappen, dessen Archiv erst noch durchsucht werden will. Da lässt sich auch schnell zu Fire TV oder dem Nexus Player wechseln. Fernbedienung in die Hand nehmen, Film per Sprachsteuerung suchen und die Vorführung beginnt. Cineasten können von Amazon bis Watchever Filme auch in der Originalversion und häufig in HD-Qualität anschauen. Nur Google streamt konsequent synchronisierte Fassungen.
Und wenn das Bier getrunken und das Sofa zu unbequem ist, nimmt man das Tablet mit ins Bett und guckt den Film mit der App an der Stelle weiter, an der man im Wohnzimmer aufgehört hat. Oder man lädt ihn herunter und schaut ihn unterwegs. Manche Anbieter müssen noch ein bisschen nachbessern, um es noch einfacher zu machen. Netflix mag nicht jeden Browser, Maxdome verlangt die Installation des Silverlight-Plugins und bis auf iTunes hakte bei den anderen immer mal wieder das Streaming. Ansonsten zeigen die Video-on-Demand-Anbieter, wie die Zukunft des Fernsehens aussehen könnte.
Die Argumenten gegen das Ende der Ära des Kabelanschlusses lesen Sie am Sonntag, den 07.06.2015, auf FAZ.NET.
