Gesellschaft

Zehnkampf-Rekordsportler Bruce Jenner wird zur Frau

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Aus dem bekannten Zehnkämpfer Bruce Jenner ist die kurvenreiche Caitlyn Jenner geworden. Eine öffentliche Transformation, die in den Vereinigten Staaten in der vergangenen Woche alle Rekorde brach.

Willkommen in der Welt, Caitlyn – ich kann kaum abwarten, dass ihr mich/sie kennenlernt“, lautete die Twitter-Botschaft der vergangenen Woche. In nur vier Stunden und drei Minuten hatte Caitlyn Jenner mehr als eine Million Follower gefunden – ein Weltrekord, der Barack Obama mit seinem persönlichen Account @POTUS auf die Plätze verwies. Die Aufregung gilt einer Transformation, wie sie dramatischer und öffentlicher kaum vorstellbar ist.

Caitlyn Jenner hieß bis vor kurzem Bruce Jenner und war für Amerika in den siebziger Jahren das Symbol athletischer Maskulinität schlechthin. Schon als Jugendlicher in der Schule ragte Jenner als Sportler heraus. 1976 holte der gutaussehende Kerl mit dem muskelbepackten Körper die olympische Goldmedaille im Zehnkampf – mit Rekordpunktzahl.

Er zierte mit nacktem Oberkörper das Cover von „Playgirl“, er trat in superknapper Shorts und bauchfreiem T-Shirt in dem Film „Can’t Stop The Music“ auf. Stets war er mit Rekorden auf Du und Du. Zuletzt brachen Jenner und seine angeheiratete Familie, zu der auch Stieftochter Kim Kardashian zählt, mit der Promiserie „Keeping Up with the Kardashians“ alle Maßstäbe schamloser Selbstvermarktung.

Zirkusarena oder mutiges Coming-out?

Nun also kommt Caitlyn. Als rehäugige Schönheit mit vollen Lippen und üppigem Busen im engen Korsett lächelt sie scheu vom aktuellen Titelbild der „Vanity Fair“, unter der Headline „Nennt mich Caitlyn“. Im Heftinnern ist Caitlyn Jenner in goldglitzernder Abendgarderobe mit tiefem Rückenausschnitt zu sehen, sie posiert in ihrem Porsche in engem roten Kleid, das ihre weiblichen Rundungen betont. In schwarzen Spitzen-Dessous sitzt sie im weichen Gegenlicht vor dem Schminktisch im Bad, auf dem ein Rosenstrauß und ein Weinglas stehen.

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„Surreal“ fand diese Wandlung sogar der Pulitzerpreisträger Buzz Bissinger, der die Titelstory für „Vanity Fair“ verfasste. Und Amerika fragte sich, wie diese radikale Metamorphose einer überaus öffentlichen Person zu bewerten sei. Als weiteres, mutiges und beispiellos prominentes Coming-out? Als besonders öffentlichkeitswirksames Spektakel in der Zirkusarena des Promi-Narzissmus?

Bruce zu sein, ist nicht einfach

Bei Amerikas Beichtmutter Diane Sawyer hatte Jenner Mitte Mai vor rekordverdächtigen 17 Millionen Zuschauern erstmals öffentlich eingestanden, was die Klatschpostillen des Landes längst mit messerscharfem Blick ausgemacht hatten – dass sie sich eigentlich als Frau verstand. „Heute ist der Tag, an dem ich ehrlich mit mir selbst bin“, sagte Jenner und wischte sich Tränen aus den Augen. Sie identifiziere sich als Frau, „und es fällt mir schwer, das zu sagen, ich will ja niemanden enttäuschen“.

34723429Seele einer Frau im Körper eines Zehnkämpfers: Bruce Jenner bei den Olympischen Spielen in Montreal im Jahr 1976.

Vor allem ihren sechs Kindern aus drei Ehen zuliebe habe sie diesen Schritt immer wieder hinausgezögert und in den Achtzigern sogar eine bereits begonnene Behandlung abgebrochen. „Bruce zu sein ist nicht einfach“, sagte sie. „Meine Seele ist weiblich, ich habe immer gelogen. Ich kann das nicht länger tun.“ Und nein, sie hat die Geschlechtsumwandlung noch nicht komplett vollzogen, auch wenn sie das in der Zukunft plant.

I Am Cait

Von „ungeheuer couragiert“ (Jenners Mutter Esther, 88), „mutig“ (Präsident Obama) und „heldenhaft“ („New York Times“) über „Rom, kurz vorm Untergang“ (Fox News) bis „verstörend“ und „eine Beleidigung für alle Frauen“ (Glenn Becks Newsseite „The Blaze“) reichten die Reaktionen in den amerikanischen Medien. Beim International Olympischen Komitee ging eine alberne Petition ein, Jenner die Goldmedaille abzuerkennen, während sich sein Erzgegner, der russische Zehnkampf-Champion Nikolai Avilow, entspannter gab: „Wie konnte ich nur gegen eine Frau verlieren?“, scherzte er.

Jenners Transformation wurde über die vergangenen zwei Jahre von den amerikanischen Klatschmagazinen detailliert dokumentiert. Den großen Coup indes inszenierte sie nun selbst, mit Hilfe der Star-Fotografin Annie Leibowitz. Und die dazugehörige Doku-Fernsehserie „I Am Cait“, die Jenner produziert, debütiert bereits im Juli bei ihrem Haussender „E! Entertainment“.

Das große Staunen freilich ist längst nicht mehr angebracht. Der Transgender-Boom in der amerikanischen Popkultur hat das Thema zum Mainstream-Ereignis gemacht: Laverne Cox, transsexuelle Schauspielerin in der Netflix-Serie „Orange Is the New Black“, zierte im vergangenen Jahr den Titel des Wochenmagazins „Time“, das die transsexuelle Revolution zur neuen Bürgerrechts-Bewegung erklärte.