Mode & Design

Porträt des Schuhmachers Jörg Koch

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Schuhmacher sind Künstler und Handwerker. Wir haben vier alte Meister in Florenz, London, Paris und Frankfurt besucht. In Teil drei der Serie stellen wir Jörg Koch aus Frankfurt vor.

Da sind diese alten Joe-Jackson-Schuhe. Weißes, weiches Box-Calf-Leder, bis an die Knöchel hoch geschnitten, über das Vorderblatt ein kleiner grauer Reißverschluss. Ausgefallen und ungewöhnlich. Ein Werk der achtziger Jahre. Die große Zeit des Discotanzens. Joe Jackson war ein Star der Szene. Ein Schuh trägt heute seinen Namen, die Lieder klingen noch in den Ohren. Seine Musik hinterließ Spuren. Knicke, Risse, schwarze Striemen. Das Paar war richtig runter. Ausgetanzt und abgetreten. Da war nicht mehr viel zu machen. Sein Kunde aber ließ nicht locker. Jörg Koch schlug ein und baute ihm einen neuen Schuh.

Für die Laufsohle nahm er Chromleder, für die Mittelsohle ein eisenhartes Quergelenk, für den Absatz warf er den Computer an. Höhere Mathematik. Er hatte den Fuß des Kunden schon skizziert, spannte zwischen Vorderund Hinterpunkt nun einen Vektor auf, berechnete die Länge des Leistens, nahm davon ein Viertel und gab noch zwei Stich zu. Er griff sich die dünnen starren Lederflecken, schnitt sie breiter als üblich und setzte sie bis kurz vor den Schnittpunkt der Sohle auf. Der längere Absatz dämmt die Ferse und schützt die Gelenke. Kein Derby und kein Oxford kann das leisten. Der Tanz hat eigene Gesetze.

Er braucht Schuhe, die nicht nur glänzen und schön aussehen, er braucht Schuhe, die robust sind und elastisch. Flexibel in der Mitte, steif an der Spitze, starr an der Hacke. Das hat Koch wochenlang beschäftigt. Er las Bücher und studierte alte Pläne, er hat gerechnet und gezeichnet, konstruiert und probiert. Er plante den Schuh wie ein Architekt sein Haus, nähte ihn in Doppelstichen und war nach einem halben Jahr fertig und zufrieden. „Das ist mal etwas anderes“, sagt er heute. Der neue Schuh ist besser als der alte. Ein Meisterstück.

Seit 20 Jahren hat es Koch nun schon mit Blüchern und Budapestern zu tun, mit Boots und Monks, mit Schnallen- und Schnürschuhen. Er sitzt in einer Werkstatt im Frankfurter Nordend – dort, wo die Mieten bezahlbar und die Preise noch erschwinglich sind. Er hat keine Marke und kein Label- er hat nur seinen Namen und seinen Laden. Sein Kapital ist seine Arbeit. Früher, nach der Lehre, war er für das Theater tätig. Gauner und Gaukler, Könige und Gangster. Er machte Schuhe für Faust und Mephisto, King Lear und Don Carlos. Dann ging es ins wahre Leben. Das Geschäft ist seitdem seine Bühne.

Schuhe für die Ewigkeit

Drei Zimmer, fahle Wände, blaue Auslegware. Vor dem Fenster rumpelt eine Straßenbahn über die Schienen. Im Laden Schuhe für die Ewigkeit, neue Stücke und alte Modelle. Klassiker im Holzregal. Schwarz, hell- und dunkelbraun, aus Rinds-, Kalbs- oder Pferdeleder. Hohe, flache, kleine, große. Neben der Anprobe die Kasse, dahinter die Werkstatt. Maschinen zum Nähen, Schleifen, Pressen. Ein Stuhl mit Lehne auf einem Podest. Das hat sich Koch selbst gebaut. Des Lichtes und der Schwingung wegen. Bretter, die die Welt bedeuten. Er lacht.