Richard Fuld war das Gesicht der Finanzkrise. Der frühere Chef der kollabierten Bank Lehman Brothers wurde wegen seiner Wutausbrüche an der Wall Street auch „Gorilla“ genannt. Nun tritt er erstmals wieder in der Öffentlichkeit auf. Ein wenig Verantwortung für die Finanzkrise?
Als Richard „Dick“ Fuld noch an der Spitze der viertgrößten amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers stand, ist er an der Wall Street wegen seiner Wutanfälle und seiner schroffen Art als „Gorilla“ bekannt gewesen. Humor unterstellte dem Mann, der nach dem Kollaps von Lehman Brothers im September 2008 zum grimmigen Gesicht der Finanzkrise geworden war, niemand. Dennoch bemühte sich Fuld am Donnerstag bei einer Rede auf einer Investorenkonferenz in New York um ein wenig Selbstironie, wie das bei solchen Gelegenheiten üblich ist. „Das ist mein erster Auftritt seit 2008. Meine wunderbare Zeit mit dem Kongress rechne ich nicht dazu“, witzelte Fuld – eine Anspielung auf die unangenehmen Anhörungen zum Thema Finanzkrise in Washington, zu denen Fuld vorgeladen wurde.
So richtig überzeugend wirkte der Humor nicht. Denn Fuld zeigte sich auch mehr als sechseinhalb Jahre nach der Insolvenz von Lehman uneinsichtig und stur. Die Schuld an der Krise, deren Höhepunkt der Zusammenbruch von Lehman gewesen war, sucht Fuld bei allen möglichen Parteien, nur nicht bei sich selbst. „Es war nicht nur eine Sache“, sagte Fuld. „Ich bezeichne es als den perfekten Sturm.“ Die Wurzel der Krise sei die Politik der Regierung gewesen, Hausbesitz in Amerika zu fördern. Unzureichende Kontrolle durch Aufsichtsbehörden, gierige Hausbesitzer, die den gestiegenen Wert ihrer Häuser als Sicherheit für neue Kredite nutzten und das explosive Wachstum von Hedgefonds hätten zu der Krise beigetragen. Dass Investmentbanken wie Lehman ein großes Rad mit der Verbriefung, dem Handel und der Emission von minderwertigen Hypotheken drehten, erwähnte Fuld indes mit keiner Silbe.
Nie zur Rechenschaft gezogen
Die Papiere waren angesichts steigender Zahlungsausfälle von Schuldnern nahezu wertlos geworden und hatten Lehman das Genick gebrochen. Fuld behauptete dennoch, dass Lehman im September 2008 nicht zahlungsunfähig war, sondern nur von der Notenbank in die Insolvenz gezwungen wurde. Fuld sprach nostalgisch von Lehman als einer Investmentbank, die den Kunden immer an die erste Stelle stellte. Die Vergütungspraktiken, die Mitarbeiter zu Teilhabern machten, hätten für eine Teamkultur gesorgt, sagte Fuld – der in den sieben Jahren vor der Krise insgesamt mehr als 500 Millionen Dollar verdient hatte.
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Der ehemalige Abgeordnete Barney Frank, einer der federführenden Autoren des 2010 verabschiedeten Finanzmarktreformgesetzes Dodd-Frank-Act kann die Logik von Fuld nicht nachvollziehen. „Ja, es gab Ausfälle bei der Regulierung“, räumte er ein. Aber er kenne „kein Gesetz“, das von Lehman verlangt habe, ausfallgefährdete Kredite zu kaufen. Fuld und die anderen Spitzenmanager von Lehmann wurden nie zur Rechenschaft gezogen. Dabei hatte es nach dem Konkurs Anzeichen gegeben, dass nicht nur schlechte Geschäftsentscheidungen zum Niedergang beigetragen hatten. In einem vom Konkursgericht bestellten Prüfungsbericht hieß es im März 2010, dass Fuld und andere führende Angestellte die prekäre Lage der Bank vor dem Zusammenbruch mit Bilanztricks verschleiert hätten.
Der Wert angeschlagener Immobilienanlagen sei überhöht dargestellt worden. Fuld, der die Bilanzen von Lehman abgezeichnet hatte, habe mindestens „grob fahrlässig“ gehandelt. Fulds Anwälte bestritten allerdings, dass er über die fraglichen Transaktionen Bescheid wusste. Ermittlungen von Staatsanwaltschaft, der Bundespolizei FBI und der Börsenaufsicht SEC verliefen schließlich im Sande. Behörden zögern bei unklarer Beweislage manchmal mit Klagen gegen Spitzenmanager, wenn die wie Fuld über große finanzielle Ressourcen verfügen, um einen längeren Rechtsstreit zu führen. Fuld sollte sich aus eigenem Interesse also nicht über zu zahme Regulierer beschweren.
Kein Zeichen von Reue
Die Rückkehr ins Geschäftsleben war für den Investmentbanker nicht einfach. Im Mai 2010 hatte er zunächst beim kleinen und unbekannten Wertpapierhaus Legend angeheuert. Kaum zwei Jahre später verließ Fuld Legend wieder, offenbar weil die Aufsichtsbehörden sich damals noch für ihn interessierten. Mittlerweile hat Fuld eine eigene Firma gegründet, Matrix Advisors, die kleine Unternehmen berät. Im vergangenen Monat hat Matrix eine Immobiliensparte aufgemacht. Der öffentliche Auftritt nach einer fast siebenjährigen Auszeit, könnte ein Versuch gewesen sein, für eine gewisse Normalität in seinen Geschäftsbeziehungen zu sorgen. Aber der 69 Jahre alte Fuld scheint zu ahnen, dass er wohl noch lange als Bösewicht der Finanzkrise gelten wird.
Der Mangel an Reue hilft bei einem Neuanfang jedenfalls nicht. Fuld bemüht lieber Analogien aus Hollywood, um seine Hartnäckigkeit zu unterstreichen. Er zitierte den fiktiven Boxer Rocky, dem es weniger um die Härte der Faustschläge ging als darum, sich nach einem Gegentreffer wieder aufzurappeln. „Ich liebe Rocky“, sagte Fuld. Auch berühmte Psychoanalytiker erwähnte er. „Was sagte Sigmund Freud? Sie können über mich sagen, was sie wollen. Ich bin in Ordnung, weil ich weiß, dass mich meine Mutter liebt“, erklärte er den 1300 Finanzfachleuten in New York. „Und meine Mutter liebt mich noch. Sie ist 96.“ Es war wohl als Spaß gemeint.
