
Die Mode für Männer bewegt sich langsamer als die Damenmode. Aber dieses Mal tut sich was: Paris verabschiedet sich allmählich vom Undersize-Look.
Paris während der Herrenmodewoche für Herbst und Winter 2015: Was für eine Show! Hier bei Givenchy erlebt man Mode als unbändigen Urtrieb. Das Bedürfnis, sich zu schmücken. Der Drang, sich darzustellen. Jeder Mensch trägt ihn in sich – der archaische Jäger, der sich die Zähne seiner Beute um den Hals hängt, die Couture-Sammlerin, die ihre Kreditkarte überzieht. Das Wilde und das Kultivierte, das Rohe und das Raffinierte – Riccardo Tisci zeigt uns das alles gleichzeitig, nebeneinander, übereinander. Mehr Layering geht nicht. Das fängt an mit einer Schicht Pailletten auf dem Laufsteg und endet mit einer Kruste aus Muscheln und Glasperlen im Gesicht des Models. Und dazwischen stapeln sich so viele Lagen Kleidung, Materialien, Farben, Muster, Schmuck und Anspielungen, dass man sich gar nicht traut zu blinzeln vor Angst, etwas zu verpassen.
In den vierziger und fünfziger Jahren übermittelten die Modekorrespondenten in Paris nur einzelne Buchstaben: X-, A-, H-Linie… Zu meiner eigenen Überraschung komme ich mit einer fast genauso einfachen Botschaft von den Männerschauen zurück. Denn in Bezug auf die Silhouette sind sich ausnahmsweise einmal alle einig: Es ist die gestufte Silhouette, die entsteht, wenn man möglichst viele Kleidungsstücke übereinander trägt und dabei gegen die Gewohnheit das kürzere Kleidungsstück über das längere zieht – also das Sakko über den Mantel (Acne, Dior), den Blouson über den Parka (Juun.J, Kenzo).
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Diesem Lagen-Look sind kaum Grenzen gesetzt. Unter einem wadenlangen Mantel lässt man eben ein knöchellanges Kleidungsstück hervorschauen (Raf Simons, Kenzo). Als oberstes Dach dieser textilen Pagode liegen auf den Schultern der Models große geöffnete Kapuzen (Juun.J), Rückenkoller (Lanvin) oder Pelerinen (Kenzo). Für ein konsequent gestuftes Beinkleid gibt es die Streetwear-Variante – den Fahrradkurier-Look, also weite Zweidrittelhose über Leggings (Rick Owens, Acne, Y3), oder anspruchsvollere High-Fashion-Varianten – Kilt über schmaler Hose (Dries van Noten), Bleistiftrock über schmaler Hose (Givenchy) oder Schürze über schmaler Hose (Boris Bidjan Saberi).
Ein Jahrzehnt Kids, Drugs and Rock &- Roll
Wenn meine Freundin mich ärgern will, sagt sie, das Wort „Männermode“ sei ein Widerspruch in sich, so wie „runde Ecke“. Mag sein, dass sich das Modekarussell bei den Männern langsamer dreht als bei den Frauen. Manchmal scheint es fast zu stocken. Aber dann macht es plötzlich einen mächtigen Ruck. Ein solcher Moment ist jetzt.
Ja, die Männermode befand sich in einer Schaffenskrise. Seit Hedi Slimane 2001 mit seiner Debütkollektion für Dior Homme sogar seine sonst eher missgünstigen Kollegen Yves Saint Laurent und Karl Lagerfeld hingerissen hatte (den einen zu Applaus, den anderen zu einer Diät), gab es keinen großen Wurf mehr. Seine radikale Silhouette, an der alles eng und schmal war, von der Hose bis zur Krawatte, war so stimmig und plausibel, dass sie mehr als ein Jahrzehnt lang die Männermode beherrschte.
