Mode & Design

Prêt-à-porter auf der Pariser Modewoche

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Mit allen Mitteln suchen die Prêt-à-porter-Schauen nach der Kundin. Das hilft vielleicht dem Verkauf, aber nicht der bildstarken Vision.

Am Ende ist es allen zu viel. Nach fünf Wochen in New York, London, Mailand und Paris hängen die Modemenschen auf den Bänken, als wäre Gott kein Herr mehr und Prada keine Herrin. „Ich kann auch keine Menschen mehr sehen“, sagt eine deutsche Chefredakteurin am Mittwochnachmittag bei MiuMiu, der letzten Schau der Saison – als ihr Schauenüberdruss in Weltschmerz umschlägt.

Warum nur ist am letzten Tag der Prêt-à-porter-Woche die Szene so ausgelaugt? Liegt es an den vielen Viren, die sich von Bussi zu Bussi und von Schau zu Schau verbreiten? Ist es der Stress, dauernd neben die Frau von der falschen Zeitschrift gesetzt zu werden? Oder sind es die steigenden Ansprüche der Weltmarken? Sie fordern Präsenz in der ersten Reihe und auf den redaktionellen Seiten. Die Magazine gewähren es, aber mit einem Lächeln, das auch als Zähneknirschen durchgeht.

Prêt-à-porter-Schauen - Viele internationale und französische Modemacher stellen in Paris ihre Kollektionen für Herbst und Winter 2015/16 vor.Gespannt: Louis Vuitton zeigt die Entwürfe für Herbst und WinterBilderstrecke

Am Mittwochmorgen kommt noch die lange Anfahrt hinzu. Denn Bernard Arnault, der LVMH-Chef, hat zur Louis-Vuitton-Schau in die Fondation Louis Vuitton im fernen Bois de Boulogne gebeten – und das kostet Zeit und Nerven. Die Kollektion des Chefdesigners Nicolas Ghesquière kann die Laune nicht heben, denn sein Genie zahlt er in kleiner Münze aus: zu viele tragbare Kostüme, zu wenig bildkräftige Visionen. Die niedlichen Blusen mit Puffärmelchen, die zierlichen Stickereien, das klassische Damier-Muster auf Jacken – das alles richtet sich an die Kundin, aber nicht an die Multiplikatoren, die Wunschträume, Idealbilder und zum Nachtisch gern auch Hirngespinste wollen.

Der Minimalismus ermüdet

Hallo, noch wach? Ja, denn zum Gucken hat man ja Kanye West und seine blondierte Begleiterin Kim Kardashian in der ersten Reihe – von Chefredakteurinnen so nah herangezoomt, wie es das iPhone der Baureihe 6 zulässt.

Und noch etwas trägt zur Ermüdung bei: die Ratlosigkeit des Minimalismus. Sie zeigt sich an einer blassen Kollektion von Rodolfo Paglialunga für Jil Sander in Mailand und irritierend wattierten Entwürfen von Céline in Paris. Albert Kriemler (Akris), eigentlich auch aus der Fraktion „Weniger ist mehr“, kommt aus der minimalistischen Sackgasse heraus, mit dreidimensionalem Lagenlook, Wollstickereien auf Stretchtüll und offenen Quadraten durch Auslassen des Kettfadens – also mit technischen Details, die eine weitere Ebene hineinziehen, ohne sich im geläufigen Mustermix verheddern zu müssen.

Oder Lutz Huelle, der deutsche Designer in Paris, eine Wiederentdeckung. Die drapierten Jacken und Mäntel: schlicht sensationell. Sogar Jack Lang, der ehemalige Kulturminister, kommt zum Defilee. In Japan ist Huelle begehrt. Wie würde man ihn in London, wäre er britisch, aufbauen und aufbauschen! Und was ist mit Deutschland? Wer kennt Lutz? Wer kauft Lutz? Und warum eigentlich nicht?

So stellt sich in Paris für jeden die Frage nach dem eigenen Standpunkt. Kann man den Minimalismus überhaupt schöner in Richtung Maximalismus drehen? Nur eine kann es wirklich: Miuccia Prada mit einer lackierten Version von MiuMiu. Die anderen setzen auf noch mehr Opulenz, auf eine Vielfalt an Stoffen und Mustern und Farben, gern schwer wie ein Teppich und verwirrend wie ein Patchwork. Ob das am Ende die Modeleute bei Laune hält?