
Aufreibende Tage für den Wolfsburger Konzern im Reich der Mitte: im Staatsfernsehen hagelt es Kritik wegen angeblicher Abzocke. Und beim chinesischen Partner wird der Chef wegen Korruptionsvorwürfen verhaftet.
Der vergangene Sonntag war wieder mal aufregend für den Volkswagen-Konzern in China. Zwar hat VW im vergangenen Geschäftsjahr seinen Gewinn im Reich der Mitte kräftig gesteigert und verkauft dort inzwischen deutlich mehr als jedes dritte Fahrzeug. Doch je größer der Erfolg ausfällt, desto stärker rückt das Geschäft der Wolfsburger und seiner chinesischen Partnerunternehmen in den Fokus des Staats.
Zunächst gerieten zur sonntäglichen Prime-Time ab 20:45 Uhr die Autos von VW in der „Verbraucher-Gala“ des chinesischen Staatsfernsehen CCTV unter Druck. Die Sendung schießt alljährlich am 15. März aus allen Rohren gegen ausländische Konzerne und die vermeintliche Fehlerhaftigkeit ihrer Produkte und Dienstleistungen, die zuvor von CCTV-Reportern mit versteckter Kamera „enthüllt“ worden ist. Was für eine Wirkung das Massenprogramm entfaltet, kann man an dem „Entschuldigungsbrief“ ablesen, den Apple-Vorstandschef Tim Cook im Jahr 2013 nach der „Konsumenten-Gala“ an Apples chinesische Kunden richtete, nachdem der Staatssender den amerikanischen Konzern beschuldigt hatte keine ausreichenden Garantieleistungen zu gewähren.
- Welche Risikoklasse soll es sein?
- Kleinanleger-Schutz: Alle wollen mehr Kontrollen auf dem grauen Markt
- Meine Frau, mein Auto, meine Uhr – Luxus am Handgelenk
Am vergangenen Sonntagabend war dann von „schmutzigen Tricks hinter der Scheibe“ neben anderen Marken auch von VW-Vertragswerkstätten die Rede, in denen die Autos von VW-Kunden unnötige und überteuerte Reparaturen erhielten. Zudem war der Sender Volkswagen erneut vor, Probleme mit gebrochenen Hinterachsen der Modelle „Sagitar“ anzuerkennen – eine Beschuldigung, die bereits vergangenen Herbst im ganzen Land gelenkt wirkende Proteste von angeblichen VW-Kunden vor Händlergeschäften bewirkt hatte. VW hatte die Vorwürfe untersucht und war zum Schluss gekommen, dass die Achse nur dann brechen könne, wenn das Auto nach einem schweren Auffahrunfall ohne Reparatur weitergefahren werde.
Weitaus ungewisser und womöglich folgenreicher ist für den Wolfsburger Konzern jedoch die Kampagne gegen Korruption, in der Präsident Xi Jinping seit zwei Jahren mit immer höherem Tempo Parteikader und Wirtschaftsmanager verfolgen lässt. Wie die Zentrale Kommission für Disziplinarinspektion (CCDI) bekannt gegeben hat, ermitteln die allein der Kommunistischen Partei verantwortlichen Jäger nun auch gegen den Vorstandsvorsitzenden von Volkswagens chinesischem Partner FAW, der noch unter Mao gegründet wurde und an dem Gemeinschaftsunternehmen FAW-Volkswagen heute 60 Prozent der Anteile hält. Sehr zum Missfallen der Wolfsburger, die zumindest gerne wenigstens die Hälfte der satten Gewinne nachhause überweisen würden wie bei ihrem anderen chinesischen Joint-Venture-Partner SAIC, der am Gemeinschaftsunternehmen Shanghai Volkswagen nur 50 Prozent hält.
VW-Chef Martin Winterkorn hat seinen FAW-Kollegen Xu Jianyi unter anderem 2012 in Wolfsburg begrüßt, in Anwesenheit von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Chinas damaligem Premier Wen Jiabao unterzeichneten die Partner vor laufender Kamera Verträge. In der vergangenen Woche habe Xu, der Mitglied der Kommunistischen Partei ist, sogar noch an der Sitzung des Nationalen Volkskongresses in Peking teilgenommen, schreibt die für gewöhnlich gut informierte Branchenwebseite Automotive News China. Von der Sitzung weg hätten die Korruptionsjäger den Automanager verhaftet, der damit von der Kampagne bisher hochrangigste erfasste Manager der Autoindustrie.
