
Eine Lehrstunde für Allergiker: Nicht meiden, sondern so früh wie möglich an die Erdnüsse gewöhnen. So lautet der Rat nach der aussagekräftigsten Studie bislang.
Wenn es um Nahrungsmittelallergien geht, herrscht große Unsicherheit – bei Ärzten wie bei den Menschen ebenso. Erst recht, wenn es Kinder betrifft. Die Häufigkeit von Erdnussallergien unter Kindern hat sich in den Vereinigten Staaten und in Europa in den letzten zehn Jahren verdoppelt. In Deutschland wird ihre Zahl auf rund zwei Prozent geschätzt, jedes zehnte Kind gilt bereits als empfindlich oder sensibilisiert gegenüber Erdnüssen, was als Vorstufe zur Allergie anzusehen ist und mit einem Hauttest festgestellt werden kann. Lange Zeit hieß die Devise, dass allergiegefährdete Kinder – solche, deren Eltern Allergiker sind, oder solche, die selbst bereits allergische Beschwerden wie Neurodermitis oder Asthma haben – Erdnüsse meiden sollten. Mit derartigen Empfehlungen, die sowohl Fachleute wie Laien immer noch geben und die in vielen einschlägigen Internetportalen kursieren, dürfte es künftig vorbei sein. Eine Studie in der Zeitschrift „New England Journal of Medicine“ (doi: 10.1056/NEJMoa1414850) stellt nun klar, dass Kinder, die zu Allergien neigen, nichts Besseres tun können, als regelmäßig von klein auf Erdnüsse zu essen.
Wem die Eltern bereits im Säuglingsalter erdnusshaltige Lebensmittel zumuten, der hat im Alter von fünf Jahren ein um siebzig bis achtzig Prozent vermindertes Risiko, später eine Erdnussallergie zu entwickeln. Das gilt sogar für die Kinder, die bereits gegenüber Erdnüssen empfindlich im Hauttest reagieren.
Geröstet und sortiert: Erdnüsse in der Produktion
Das Forscherteam der LEAP-Studie („Learning Early about Peanut Allergy“) um George Du Toit von der Abteilung für Pädiatrische Allergologie am Kings College in London und zahlreichen anderen Forschungseinrichtungen in England und den Vereinigten Staaten haben die Auswirkungen von Erdnussabstinenz und -konsum an insgesamt 530 Kindern getestet. Diese Kinder stellten bereits ein Risikokollektiv dar: Zu Beginn der Untersuchung hatten sie im Alter von vier bis elf Monaten alle entweder schon schwere Hautekzeme, eine Allergie gegenüber Ei. Bei 98 von ihnen zeigte sich im Hauttest bereits zusätzlich eine vorbestehende Empfindlichkeit gegenüber Erdnussallergenen.
Die Forscher ließen nun rund die Hälfte der Kinder aus beiden Gruppen – mit oder ohne Erdnusssensibilisierung – Erdnussallergene bis zum Alter von fünf Jahren strikt meiden, oder aber eine definierte Menge von zwei Gramm Erdnüssen, etwa sechs bis acht Stück, dreimal in der Woche zu sich nehmen. Von den Kindern, die bereits eine Neigung zeigten, eine Erdnussallergie zu entwickeln, reagierten am Ende 35,3 Prozent tatsächlich allergisch, sofern sie Erdnüsse strikt vermieden hatten. Die genau definierte Erdnussdiät führte bei dieser hochgradig gefährdeten Gruppe jedoch dazu, dass nur 10,6 Prozent im Vorschulalter allergisch waren. Und auch bei jenen Kindern, die zwar allergiegefährdet sind, aber noch nicht empfindlich auf Erdnüsse reagieren, können Eltern ebenfalls nur alles richtig machen, wenn Erdnüsse auf dem Speiseplan stehen. Denn dann entwickelten in der Studie nur 1,9 Prozent eine Erdnussallergie, im Falle der Enthaltsamkeit indes 13,7 Prozent der Kinder. Nur zu verständlich, dass Allergieexperten bereits im Kommentar zur Studie über neue Empfehlungen nachdenken, um der steigenden Zahl der Erdnussallergien nun möglichst in jungen Jahren mit dieser so effektiven wie einfachen Strategie vorzubeugen.
Wie sinnvoll dies ist, zeigt eine Pilotstudie der besonderen Art: Erdnussallergien kommen unter jüdischen Kindern, die in Großbritannien leben, zehnmal so häufig vor wie unter jenen, die in Israel leben. Die Tatsache, dass in Israel die Kinder bereits im Säuglingsalter erdnusshaltige Lebensmittel bekommen, aber erst deutlich später, wenn sie mit ihrer Familie unter Briten leben, gab den Anstoß zu der aktuellen Untersuchung.
