
Steigt Griechenland aus dem Euro aus? Die Gedankenspiele beginnen. Denn die Kosten wären wahrscheinlich geringer als vor zwei Jahren – doch auf die Deutschen käme noch einiges zu.
“Wir sind nicht erpressbar“ – der Satz von Sigmar Gabriel steht hervorragend für die politische Rhetorik in Berlin: Wenn Griechenlands nächste Regierung das Sparprogramm aufkündigt und ihre Schulden nicht zurückzahlt, dann können wir im Euro auch ohne Griechenland weitermachen.
Hinter dem Satz steht die Überlegung, dass die Kosten für einen Euro-Austritt Griechenlands sehr viel geringer sind als zu Beginn der Eurokrise. Banken und andere Unternehmen in Europa hatten inzwischen vier Jahre Zeit, sich auf die Schwierigkeiten in Griechenland einzustellen, und ihre Verflechtungen mit dem Land zu ordnen. Hinter den privaten Gläubigern des Landes liegt ein erster Schuldenschnitt, ihr Verlustpotenzial ist inzwischen begrenzt. Die deutschen Banken haben nur noch rund 23 Milliarden Euro Kredite an Griechenland vergeben, wie der Bankenverband meldet.
Allerdings sind die Kosten eines Euro-Austritts auch in Griechenland selbst gesunken. Vor drei Jahren war das Land für seinen laufenden Haushalt noch darauf angewiesen, dass es immer neue Kredite bekommt – entweder von privaten Verleihern oder von der öffentlichen Hand. Inzwischen meldet Griechenland einen so genannten Primärüberschuss, das heißt: Griechenlands Staatshaushalt liegt im Plus, solange die Kreditzinsen nicht berücksichtigt werden. Selbst wenn in dieser Rechnung statistische Unschärfen bleiben: Würde Griechenland also seine Kredite nicht mehr bedienen, fände es zwar wahrscheinlich keine neuen Geldgeber – es könnte seinen Staatshaushalt aber wahrscheinlich auch ohne neue Kredite finanzieren.
Doch auch wenn die Kosten eines „Grexit“ heute geringer sind als vor vier Jahren, er brächte einige Kosten für die Deutschen.
Debatte über „Grexit“ belastet Märkte
Das sind die Kosten für den „Grexit“
Ziemlich sicher wäre, dass Griechenland seine Hilfskredite in so einer Situation nicht mehr zurückzahlen könnte. Jetzt schon sind die Kredite am Rande des tragbaren. Wenn Griechenland aus dem Euro ausstiege, würde seine neue Währung abwerten – aus griechischer Sicht stiegen die Schulden in enorme Höhen. Inzwischen sind fast alle Schulden Griechenlands in öffentlicher Hand – die Kredite sind direkt vergeben, sie laufen über die europäischen Rettungsfonds oder über den Internationalen Währungsfonds. Deutschland trägt das Risiko für mehr als 80 Milliarden Euro. Wie viel davon tatsächlich verloren wäre, lässt sich heute nur spekulieren.
Weitere Verluste könnten im europäischen Zahlungsverkehrs-System „Target 2“ entstehen. Griechenlands Schulden in diesem System haben sich in den vergangenen zwei Jahren deutlich reduziert. Übrig sind rund 35 Milliarden Euro, von denen Deutschland 26 Prozent tragen würde. Hier stehen noch mal rund neun Milliarden Euro im Feuer.
Das sind die Risiken des Euro-Ausstiegs
Voraussetzung für all diese Rechnungen ist, dass bei einem Euro-Austritt andere finanzschwache Länder wie Italien und Portugal keine Schwierigkeiten bekommen. In der ersten Runde der Eurokrise herrschte die Angst, dass Investoren bei einem Austritt Griechenlands auch an der Euro-Mitgliedschaft anderer Krisenstaaten zweifeln und ihnen neue Kredite verweigern könnten. Dann würde ein Euro-Ausstieg Griechenlands richtig teuer.
Bislang sind die Kapitalmärkte ruhig. Zwar verliert der Euro seit einigen Tagen kräftig an Wert, doch die Euro-Verkäufer tun das nicht in erster Linie wegen Griechenland, sondern weil die Zinsaussichten in Amerika derzeit höher sind. Ob das im Fall eines „Grexit“ so bleiben würde – darüber wird gerade heftig diskutiert.
Doch das sind nicht die einzigen Hürden, die zwischen Griechenland und dem Euro-Austritt stehen. Es gibt auch rechtliche Hürden. Ein Euro-Ausstieg ist zum Beispiel in den Verträgen zur Währungsunion nicht vorgesehen. Die EU-Kommission betrachtet die Diskussion deshalb als „hypothetisch“. Andererseits wurden in den Krisennächten der Eurokrise viele Dinge beschlossen, die Juristen für fragwürdig hielten. Denkbar wäre zum Beispiel, dass die Regierungschefs der EU kurzfristig eine Ausstiegsklausel in die Verträge einbauen und dazu das Vehikel eines so genannten „vereinfachten Vertragsänderungsverfahrens“ nutzen.
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Und wie wahrscheinlich ist es, dass die Griechen den Euro-Austritt tatsächlich durchziehen und nicht vorher einknicken? Das ist schwer zu sagen. Schon seit Tagen tobt in Griechenland eine öffentliche Debatte um einen möglichen Euro-Ausstieg.
Wenn Griechenlands neue Währung abwerten würde, könnten viele Export-Unternehmen ihre Produkte billiger verkaufen – davon würde das Land profitieren. Doch im Gegenzug würden die vielen importierten Produkte teurer. Und: Die Griechen könnten ihre Banken ins Wanken bringen, weil sie massenhaft das Geld von ihren Konten holen – schließlich wäre das Geld viel weniger wert, wenn es in die neue griechische Währung umgerechnet würde.
