Leib & Seele

Single Bells (4): Unbegrenzte Möglichkeiten für schlechte Dates

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New York ist die Hauptstadt der Einsamen. In der letzten Folge unserer Reihe über Singles in New York sprechen wir mit Jared, Absolvent einer Elite-Uni, der der Auffassung ist, dass die Mathematik nicht zu seinen Gunsten spielt.

In New York leben mehr alleinstehende Frauen als Männer – etwa 150.000 mehr. Am stärksten ist das Ungleichgewicht in Stadtteilen mit hohem Einkommen und Bildungsgrad zu spüren: An der Upper East Side zum Beispiel kommen auf einen Junggesellen zwei weibliche Singles. „In New York muss ein Mann nur auf die Straße gehen und atmen, um jemanden kennenzulernen“, hört Jarad oft, wenn er über sein Liebesleben klagt. Den Satz hasst der Neunundzwanzigjährige inzwischen. „Ich muss härter für ein Date arbeiten als jede Frau, die ich kenne“, sagt er. „Die Mathematik spielt nicht zu meinen Gunsten.“

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Jarad hat einen Abschluss von einer Elite-Universität. Er ist charmant, hat ein ansteckendes Lachen, mag moderne Kunst und Literatur. Der Finanzjournalist sucht nicht nach einer schnellen Nummer, sondern hätte am liebsten eine feste Beziehung. Viele Frauen würden ihren Traummann genau so beschreiben. Mit der Liebe lief es aber trotzdem nicht so gut. „2012 ging eine langjährige Beziehung zu Ende“, erzählt Jarad. „Ich schmorte monatelang in meiner Mitleidssoße.“ Seine Mitbewohnerin überredete ihn dazu, sich bei OkCupid anzumelden. Die Dating-Plattform saugte ihn auf. Jarad feilte stundenlang an seinem Profil und las akribisch die Selbstbeschreibungen der Frauen, bis er eine fand, die denselben Buchgeschmack hatte wie er und einen genauso schrägen Humor. Dann tüftelte er an einer kreativen Nachricht, wartete, träumte. Zurück kam: Stille.

Wie eine aus dem Ruder gelaufene Party

Das wiederholte sich ein paar Mal. Die Mädchen seiner Träume schrieben nie zurück. Nicht einmal: Nein, danke, kein Interesse. Als Jarad seiner Mitbewohnerin beim Online-Dating zuschaute, verstand er, warum. Kaum hatte sie sich eingeloggt, sortierte sie die interessierten Kandidaten in Lichtgeschwindigkeit aus: Jeder Mann bekam nur einen Sekundenbruchteil Aufmerksamkeit, bevor er weggeklickt wurde. „Hübsche Frauen werden täglich von 30 bis 40 Kerlen angeschrieben“, sagt Jarad. „Sie fahren ihre Abwehr dementsprechend hoch.“ Ihm wurde klar: Der Großteil seiner sorgfältigen Nachrichten wurde erst gar nicht geöffnet. „Damit ich überhaupt bemerkt werde, müsste ich auf meinem Profilfoto aussehen wie George Clooney. Oder täglich eine Unmenge Frauen anschreiben.“

Online-Dating - Vier Singles erzählen davon, wie schwer es ist, in der Großstadt einen Partner zu finden, trotz entsprechender Internet-PortaleJarad in seinem Lieblingscafé im Viertel Gowanus in Brooklyn

Online-Dating schien wie eine aus dem Ruder gelaufene Party, auf der Männer wahllos baggerten und Frauen sie abblockten. „Mir war klar, dass dieses System für keinen gut ist“, sagt er. „Aber wer nicht mitmacht, sitzt am Samstagabend allein zu Hause.“ Er legte sich eine Schablonen-Nachricht zu, die er, leicht angepasst, im Copy-Paste-Verfahren an viele Frauen verschickte. Er überflog die Profile nur noch flüchtig, achtete nicht mehr auf den Buchgeschmack. „Im Prinzip reduzierte ich meine Kriterien auf zwei: sieht gut aus, beherrscht die Rechtschreibung.“

Etwa 80 Prozent seiner Nachrichten blieben immer noch ohne Antwort. Aber wenn man 100 Nachrichten verschickt, schreiben immerhin 20 Frauen zurück. Ein paar von ihnen gingen mit Jarad aus. Die Verabredungen waren aber lauwarm. Wie sollten sie auch anders sein, wenn die einzige Schnittmenge eine gemeinsame Sprache und ein nettes Gesicht ist?

Nur noch Frauen, die er über Freunde kennengelernt hat

Er blieb dran. „Online-Dating war für mich, wie ständig an einem Tropf von Zurückweisung zu hängen und sich trotzdem nicht losreißen zu können“, sagt Jarad. „Ich war süchtig nach den gelegentlichen Ego-Boosts.“ In zwei Jahren Online-Dating ging er auf etwa 40 Dates, aus ein paar davon wurde Sex, eines wurde zu einer zweimonatigen Beziehung.

Online-Dating - Vier Singles erzählen davon, wie schwer es ist, in der Großstadt einen Partner zu finden, trotz entsprechender Internet-Portale„Ich schmorte monatelang in meiner Mitleidssoße.“

Als sie zu Ende ging, loggte er sich wieder bei OkCupid ein: ein Schluck Ego-Cocktail gegen den Herzschmerz. Eine der Frauen, die er angeschrieben hatte, bevor er mit seiner jetzigen Ex zusammenkam, hatte sich zurückgemeldet. Er könnte sie auf ein Glas Wein einladen. Sie würden Smalltalk machen. Er würde ein paar Witze erzählen. Sie würde angespannt lachen. Vielleicht würden sie am Ende im Bett landen und nie wieder voneinander hören. Er hatte keine Lust dazu.

Zur Zeit geht Jarad nur mit Frauen aus, die er über Freunde kennengelernt hat. Er habe verstanden, dass eine große Auswahl nicht immer ein besseres Ergebnis bedeutet. „Für mich waren die unbegrenzten Möglichkeiten der Stadt vor allem unbegrenzte Möglichkeiten für schlechte Dates.“ Seinen Account bei OkCupid hat er noch nicht gelöscht. Man weiß ja nie.