
Im politischen Berlin passiert nicht viel, in Frankfurt freuen sich wenigstens die Kinder aufs Fest, in New York glänzen auch die politischen Insignien, und in den Geschäften ist die Hölle los: Eindrücke am Tag vor Heiligabend.
„>Am Tag vor Heiligabend begibt es sich, dass die A5 zwischen Bad Homburg und Frankfurt, sonst notorisch verstopft, zur Trasse vierspuriger Freiheit wird. Die Verstopfer sind im Weihnachtsurlaub, und einmal ist es, wie es nach christlich-abendländischer Weltordnung auch zu sein hat: Die Straße ist mein. Ich, Pendler, befreie mich aus den Fesseln meiner Kriechtier-Existenz und brause dahin, frei atmend, auf Fittichen wie Pegasus. Nichts und niemand hindert meinen Adlerflug, kein Mangel, nirgends. Voll ist der Tank, der Ölpreis sinkt mit jedem Kilometer, und rechts der Fuß will nicht vom Gas, bis ganz weit links – 220 – das Fahren erst beginnt. Keiner kommt heut an mir vorbei, ich bleibe vorn. Das ist das wahre Leben. In sich ruhend gleitet das Ich dahin, getilgt sind die Verstopfer, getilgt auch jene blöde Ische, die eben noch die Vorfahrt nahm – nicht ohne aus dem SUV in mütterlichem Tone zu belehren, ein „Miteinander“ sei doch der Verkehr. Eins bin ich mit der Welt, sie kann so bleiben. (wer.)
Viele Deutsche trinken jetzt über den Durst
Vorsätze für den Rest des Jahres: 30 Prozent der Deutschen zwischen 18 und 24Jahren wollen an Weihnachten und Silvester mehr Alkohol als sonst oder sogar „über den Durst“ trinken. Unter den älteren sind es 18 Prozent, 22 Prozent bei den Männern, immerhin 13 Prozent bei den Frauen. Das ergab eine Umfrage des Verbands der Privaten Krankenversicherungen, die am Tag vor Heiligabend in Berlin veröffentlicht wurde. Befragt wurden 2000 Personen. Prost Weihnachten!
Am Spreebogen fehlen die Affären
Dass das Berliner Regierungsviertel freitags binnen weniger Stunden vom Zustand höchster Aufregung in absolute Leere verfällt, ist ein bekanntes Phänomen am Ende parlamentarischer Sitzungswochen. Alle Jahre wieder potenziert es sich in der Weihnachtszeit. Eben noch strömten Massen von Reportern in die Bundespressekonferenz, um eine Sex-, Lügen- und Video-Affäre fortzuschreiben. Nun laufen nur noch vereinzelt ein paar holländische Touristen den Spreebogen entlang und bestaunen die verlassenen Bauten. Für die Verwalter des politischen Mangels, also die armen Reporter im Weihnachtsdienst, hat das durchaus Vorteile. Die Autofahrt vom Südwesten nach Mitte dauert rekordverdächtige zwölf Minuten (okay, zwei dunkelgelbe Ampeln waren dabei). Keine Autokolonnen afrikanischer Staatsgäste stören den Verkehr. Selbst die Arbeit auf den vielen Baustellen der Hauptstadt ruht. Und wer sich morgens mit den anderen Verwaltern des politischen Mangels, also den armen Pressesprechern im Weihnachtsdienst, zum Frühstück verabredet, muss nicht einmal einen Tisch im „Café Einstein“ reservieren. Die Friedrichstraße freilich teilt wieder die geeinte Stadt. Hier endet die Freudlosigkeit und beginnt der Konsum-Sektor der Last-Minute-Shopper. (sat.)
Leuchtet über Bogotá: Die Basilika des Gefallenen Christus von Montserrate ist mit Lichtern zum Fest geschmückt.
Jetzt kauft man Günstiges, das teuer aussieht
Kerstin Görling hat in diesem Jahr schon Hunderte Weihnachtsgeschenke ausgesucht. Sie betreibt in der Frankfurter Innenstadt die Modeboutique Hayashi, und hier kaufen genug Frauen so gerne ein, dass sie ihre Männer dort hinschicken, mit der Anweisung, doch bitte nach einem Geschenk zu suchen – auch noch am Tag vor Heiligabend. „Viele von ihnen stehen erst mal ratlos im Laden“, sagt Kerstin Görling. Also sucht sie für die Männer Geschenke aus, die sie dann wiederum ihren Liebsten schenken. „Immer witzig sind diejenigen, die reinkommen und sagen, sie hätten gerne ein günstiges Geschenk, das möglichst teuer aussieht.“ Der 23.Dezember, wenn sich alles drängelt, sei dabei aber gar nicht der schlimmste Tag für den Verkauf. Im Gegenteil: „Heute macht es am meisten Spaß. Man ist wie im Rausch, berät, packt Päckchen ein, bis die Finger wund sind, und beantwortet Fragen zum Schmuck am Telefon.“ Soll es lieber Gold oder Silber sein? Auf die letzte Minute sind aber nicht nur die Schmuckschenker unterwegs. Kurz vor Heiligabend, kurz vor knapp trudeln auch die typischen Gutschein-Verschenker ein. „Und gleich nach Weihnachten kommen die Beschenkten, um ihn einzulösen. Dann wird es noch mal genauso voll.“ (jwi.)
